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[Der folgende Text ist ein Exzerpt aus meinem bisher unvollendeten Buchprojekt „Karate in Deutschland“]

Die Verbreitung der verschiedenen japanischen Kampfsysteme verlief in Deutschland ganz unterschiedlich. Das Jiu-Jitsu wird bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts, Judo seit 1929 in Deutschland trainiert. Das Karate wurde im Vergleich dazu erst relativ spät – Ende der 1950er Jahre – in Deutschland bekannt. Für die späte Ankunft in Deutschland sind mehrere Erklärungsansätze zu berücksichtigen.

1) Später Zugang zur Öffentlichkeit

Erst seit den 1920er Jahren wurde Karate systematisch in Japan verbreitet. Hier hatte es insbesondere mit der starken Konkurrenz indigener Kampfsysteme, wie z.B. Judo, Kendo oder Sumo zu tun. Erst 1941 wurde Karate voll als ein japanisches Kampf­system anerkannt und in die Japanische Gesellschaft für Kampfkünste (Nippon Butokukai) aufgenommen.

2) Kriegs- und Nachkriegszeit

Der 2. Weltkrieg (1939-1945) und das Kampfsportverbot der alliierten Besatzungsmächte ab Dezember 1945 verhinderten jegliche Verbreitungsbemühungen. Erst 1949 wurde Karate in Japan wieder offiziell zugelassen.

3) Fehlende Absicht

Erste außerjapanische Karate-Vorführungen und darauf aufbauende Übungseinheiten zwischen 1900 und 1930 blieben regional begrenzt und zumeist innerhalb der Gemeinschaft okinawanischer Emigranten (Hawaii, Los Angeles). Kein Karatelehrer oder Verband hatte seinerzeit konkrete Pläne das Karate international bekannt zu machen. Diese Entwicklung setzte erst langsam Ende Mitte / Ende der 1950er Jahre ein.

Über Frankreich nach Europa

So weit bekannt, begannen erste zaghafte Karateaktivitäten in Europa im Jahr 1952. Der französische Judosportler Henry Plée wurde durch einen Artikel im Life Magazine auf diese japanische Form des Kampfes aufmerksam. Während eines Judo­wettkampfes in den USA traf Plée dann im Dezember 1953 auf Donn F. Draeger, der ihm bei dieser Gelegenheit einen Trainingsfilm der Japan Karate Association (JKA) übergab. Zu den Pionieren des französischen Karates gehören neben Plée ferner die beiden Kampfsportler Claude Urvois und Jim Alcheik. Zu Beginn der 1950er Jahre waren sie als erste ausländische Studenten Schüler in der Kampf­kunstschule Yoseikan mit Sitz in Shizuoka (Japan). 1952 kehrten sie nach Frankreich zurück und gründeten schließlich zusammen mit Henry Plée im September 1954 den französischen Karateverband „Fédération Française de Karate et Boxe Libre“. Unterstützt wurden sie seinerzeit von japanischen Karateleuten. Im Juni 1957 gab der japanische Student Mochizuki Hiroo während seines Europa­aufenthaltes Karateunterricht in Marseille (Frankreich). Wenige Zeit später traf Mochizuki schließlich bei einem Lehrgang auf Henry Plée, der ihn daraufhin nach Paris einlud, wo er damals im Dojo an der „Rue de la Montagne Sainte Genéviève“ bis Ende 1958 unterrichtete. 1958 folgte ihm der Japaner Murakami Tetsuji (1927-1987) aus dem Yoseikan nach Frankreich. In Europa begann Murakami schließlich mit dem Aufbau von Trainingsgruppen hauptsächlich in Frankreich, Italien, der Schweiz und Deutschland. Über Frankreich gelang das Karate durch Wladimiro Malatesti nach Italien (1955), nach Groß­britannien durch Vernon Bell (1957) sowie schließlich nach Deutschland durch Jürgen Seydel (1957).

Internationale Karateverbreitung nach dem 2. Weltkrieg

1946

USA

Robert Trias

1948

Frankreich

Henry Plee

1955

Italien

Wladimiro Malatesti

1956/7

Kanada

Ari Anastasiadis

1957

Großbritannien

Vernon Bell

1957

Schweiz

Bruno Cherix

1957

Deutschland

Jürgen Seydel

Karate in Deutschland

Nach dem 2. Weltkrieg lag Europa in Schutt und Asche. Nur sehr langsam und mit äußersten Anstrengungen rückte eine gewisse Normalität in den Alltag der Menschen. Neben vielen neuen Regelungen und Entbehrungen blieb auch das Sportwesen nicht vor Reformen und Re­striktionen befreit. Der Alliierte Kontrollrat sprach am 17. Dezember 1945 die Direktive Nr. 23 über die „Beschränkung und Ent­militarisierung des Sportwesens“ in Deutschland aus, die u.a. ein Verbot aller Kampf­sportarten einschließlich des Judosports enthielt. Erst 1948 war die Aus­übung wieder erlaubt und die bis dahin im Untergrund als Gymnastik und Gewandtheitssport be­triebenen Kampf­techniken auch wieder offiziell anerkannt. Nach dieser Übergangsphase begann sich in Deutschland langsam wieder die Kampf­sportszene zu formieren. Schwerpunktmäßig wurde die von Alfred Rhode 1929 initiierte Judo­bewegung wieder in Gang gesetzt. Der Nordrhein-Westfälische Judoring e.V. wurde im Jahr 1952 gegründet. Im gleichen Jahr – am 20. September 1952 – konstituierte sich das Deutsche Dan Kollegium (DDK) e.V. mit seinen Initiatoren Max Hoppe (Berlin), Otto Schmelzeisen (Wiesbaden), Rene de Smet (München), Alfred Rhode (Frankfurt am Main) und einigen anderen Beteiligten. Die Etablierung weiterer Judo-Landesverbände gipfelte schließlich in der Gründung des Deut­schen Judo-Bundes (DJB) am 08. August 1953.

Wie auch in Frankreich zuvor gelang das Karate über den Judosport nach Deutschland. Es war der im Rheinland geborene Judoka Jürgen Seydel (1917-2008), der schließlich im Jahr 1955 durch einen Artikel in einer französischen Judozeitung auf einen Karatelehrgang in Südfrankreich aufmerksam wurde. Informiert durch Plées französische Judozeitschrift reiste Seydel schließlich 1957 mit zwei weiteren Judo­ka nach Südfrankreich. Dort nahmen sie an einem Lehrgang mit Meister Mochizuki Hiroo teil und erwarben sich erste Grundkenntnisse. Zurück in Deutschland trainierten sie im Anschluss während den Ferien in einer Schul­turnhalle die erlernten Techniken, die hauptsächlich aus Techniken der Karate-Grund­schule bestanden. Von da an nahm die Entwicklung des Karatesports in Deutschland seinen weiteren Lauf.

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