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Heiko Bittmann ist Japanologe und Sportwissenschaftler. Er betreibt Iaidô (Musô Jikiden Eishinryû, 6. Dan), Jôdô (Shintô Musôryû, 5. Dan) und Karatedô (Shôtôkan, 3. Dan). Im Zuge der Veröffentlichung seiner Dissertation “Karatedô – Der Weg der leeren Hand” gründete er den Verlag Heiko Bittmann. Seit 2001 ist Bittmann Assistenz-Professor und seit 2009 Professor an der Kanazawa Universität in der Präfektur Ishikawa (Japan), an der er unter anderem Seminare über Budô abhält.

Herr Bittmann, Sie sind seit nunmehr zehn Jahren an der Kanazawa Universität tätig. Was sind dort Ihre Schwerpunkte in Lehre und Forschung?

Meine Tätigkeit hier im “International Student Center” der Kanazawa Universität umfasst eine Reihe von Aufgaben. Zum einen bin ich einer der Koordinatoren eines einjährigen Kurzzeit-Austauschprogramms mit zurzeit über 40 ausländischen Studenten von Partneruniversitäten. Dazu gehört die Betreuung dieser Studenten als sogenannter “Supervisor” im akademischen Bereich, aber auch darüber hinaus im Alltagsleben.

Im Rahmen dieses Programms gebe ich Kurse und veranstalte Seminare, die teilweise auch anderen Studenten der Universität offen stehen. In einem praktischen Seminar zu traditionellem japanischen Handwerk, welches vor allem in Kanazawa und der Präfektur Ishikawa vorzufinden ist, können die Studenten unter Anleitung von Fachkräften z.B. Blattgold-, Lack- oder Töpferei-Waren herstellen und etwas über die Ursprünge und Geschichte erfahren. Außerdem gebe ich mehrere Kurse in Karatedô und Jôdô. Einer der Jôdô-Kurse ist Teil der sportwissenschaftlichen Ausbildung der Fakultät für Erziehungswissenschaften. In einem theoretischen Seminar werden Texte zur Geschichte und Philosophie der japanischen Kampfkünste gelesen und besprochen. Schließlich gebe ich noch vorwiegend für japanische Studenten einen Konversationskurs in Deutsch.

Neben den bereits genannten Aufgaben gestalte ich ein Kulturprogramm der Universität mit, in dem eine Art Schnupperkurse zu traditionellen japanischen Künsten angeboten werden, die Studenten, aber auch interessierten Bürgern offen stehen. Diese koordiniere oder leite ich, wie z.B. Budô-Kurse. Neuerdings wird dieses Programm auch als Seminar in der Lehrerausbildung der Universitäten angeboten.

Wie man sich unschwer vorstellen kann, bleibt dann kaum noch Zeit zur Forschung und diese findet dann meist in der (wenigen) verbleibenden Freizeit statt.

In Japan geben Sie Seminare über Budô. Wie reagieren japanische Studenten, wenn ein westlicher Dozent über japanische Kampfkünste spricht?

Die meisten sind anfangs (etwas) überrascht, aber das gibt sich dann eigentlich recht schnell, wenn der Unterricht erst einmal angefangen hat. Bislang haben einige der Studenten, die den Jôdô-Kurs besuchten, über diesen hinaus Interesse an dieser Kampfkunst gefunden, und es sind im Laufe der Zeit schon einige Dan-Träger hervorgegangen. Was mich persönlich besonders freut. Dazu muss angemerkt werden, dass Jôdô auch in Japan eine relativ unbekannte Kampfkunst ist, und die Mehrzahl der Studenten durch den Kurs erstmals mit Jôdô in Kontakt kommt.

Jôdô

Im Rahmen der Veröffentlichung Ihrer Dissertation haben Sie den Verlag Heiko Bittmann gegründet. Welche Zielsetzung verfolgen Sie damit?

Ich möchte den Lesern einen auf wissenschaftlicher Arbeit basierenden Einblick in die japanische Kultur und insbesondere die Kampfkünste bieten. Dabei versuche ich auf Lesbarkeit bzw. Verständlichkeit zu achten, um ein möglichst breites Publikum anzusprechen.

Jedes Jahr erscheinen immer neue Bücher zu den Themen Kampfsport und Kampfkunst. Das Angebot in diesem Bereich ist inzwischen sehr groß. Was zeichnet gute Budô-Literatur aus?

Nun ich persönlich achte auf wissenschaftliche Bearbeitung eines Themas. Werden im Falle einer Besprechung von japanischen Kampfkünsten, auch japanische Quellen und bislang bekannte Darstellungen bzw. Sekundärliteratur einbezogen. Bei Übersetzungen von historischen Texten kommt es dann stark auf die Sprachkenntnisse, aber auch die theoretische und praktische Kampfkunst-Erfahrung des Übersetzenden an.

In Ihren Forschungsarbeiten verwenden Sie eine Vielzahl von japanischen Originalquellen. Wie schwer ist es, in Japan an historische Quellen zu gelangen?

Das hängt stark von den Quellen ab, sind diese in Bibliotheken verzeichnet, kann man sie eher leicht auffinden und manchmal sogar ausleihen oder kopieren lassen bzw. zumindest einsehen. Quellen in privaten Sammlungen sind schwerer zu erreichen, aber ich persönlich hatte bislang keine größeren Problemen bei der Beschaffung von Quellen.

Sie haben sich im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit mit namhaften Personen getroffen. So beispielsweise mit dem ehemaligen JKA-Generaldirektor und Schüler von Funakoshi Gichin Takagi Masatomo (1912-1996). Wie wichtig sind derartige Gespräche für Ihre Arbeit?

Das ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeiten, denn es können Fragen gestellt oder historische Einzelheiten besprochen werden, die z.B. in einem Buch oder Aufsatz nicht enthalten oder unklar sind. Außerdem erfährt man so manche Anekdote.

Heiko Bittmann - Kyoto Heiko 2010

In Ihren Arbeiten haben Sie sich bisher unter anderem mit den Disziplinen Karate, Schwertkunst und Jûjutsu auseinandergesetzt. Welchen Themen werden Sie sich in Zukunft widmen?

Ich schreibe gerade an einem Artikel über Shimizu Toshiyuki, einem heute eher unbekannten Meister der ersten Stunden der Überlieferung des Karate auf die japanische Hauptinsel. Er war ein hoher Schüler von Funakoshi, und führte dessen Karate in seiner Heimatpräfektur Toyama ein. Dies ist die Nachbarpräfektur von Ishikawa und mein Iaidô-Lehrer wiederum erlernte unter ihm das von Shimizu Shôtôryû genannte Karate und andere Kampfkünste. Dieser Aufsatz wird im nächsten Buch von Henning Wittwer erscheinen.

Auf Japanisch arbeite ich gerade an einem Enzyklopädie-Eintrag zum „Karatedô“, für den ich von einem japanischen Verlag beauftragt wurde. Darüber hinaus habe ich im Moment keine konkreten Pläne. Natürlich werde ich mich aber auch in Zukunft dem Bereich der „Kampfkünste“ widmen.

Die Fotos wurden freundlicherweise von Heiko Bittmann zur Verfügung gestellt.

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