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Ein Gastbeitrag von Andreas Quast

Viele Karateka zeigen sich erstaunt, wenn man von Taira Shinken (1898-1970) als Schüler von Funakoshi Gichin (1868-1957) spricht, und als einen der frühesten und originärsten Vertreter dessen Karate. Woran es liegen mag, dass er so unbekannt blieb, mag aus einem interessanten Bericht ersichtlich werden, der sich sich alleinig auf den Seiten 585-588 der Erstausgabe des Band 1 der dreiteiligen Serie Ryūkyū Kobudō von Inoue Motokatsu aus dem Jahre 1972 findet. In allen späteren Neuauflagen ist dieser Bericht nicht mehr enthalten. Dies macht ihn besonders selten und was den Inhalt betrifft besonders wertvoll. Aus diesem Grunde, und da mir niemand anderes bekannt ist, der diese Originalausgabe besitzt, möchte ich den Bericht hier öffentlich machen.

Der Autor: Matsumoto Yukio, Kanchō des Shōtōkan in Hamamatsu

Das Bugei Ryūha Daijiten (1978) beschreibt Matsumoto Yukio als Schüler des Shōtōkan-ryū unter Funakoshi Gichin (S. 371-373) sowie als Schüler von Taira Shinken (S. 302-303). Im Ryūkyū Kobudō Taikan (1964) ist er als Berater des Ryūkyū Kobudō Hozon Shinkōkai und Shihan des Ryūkyū Kobudō gelistet. Seine damalige Adresse in Japan lautete Hamamatsu-shi Kamoe-chō Nishimachi 143.

Erinnerung an den verstorbenen Sensei Taira Shinken (1972)

Die Begegnung zwischen Taira Shinken Sensei und mir fand im Herbst 1928 statt. Zu jener Zeit lebte Sensei in der Stadt Ikao in der Präfektur Gunma (in der Kantō-Region).

Sein Karate-dō Lehrer Funakoshi Gichin Sensei hatte ein Karate Dojō in dem von der Präfektur Okinawa geführten Meishō-juku genannten Studentenwohnheim betrieben, welches sich in Suidobashi im Viertel Koishikawa im Tōkyōter Stadtbezirk Bunkyō befand, wo Taira Sensei eines Tages [im Jahr 1923] zufällig vorbei geschaut hatte. Taira Sensei war der rangälteste Schüler von Funakoshi Sensei und lebte als dessen Lieblingsschüler mit diesem unter einem Dach.

Ab der Zeit, als ich 1938 zum Militär eingezogen wurde und Taira Sensei 1940 in seine Heimat Okinawa zurückkehrte, standen wir ständig per Briefwechsel in Kontakt, wobei wir wechselseitig über den Tod auf dem Schlachtfeld nachdachten. Jedoch unterbrach Sensei dies bisweilen und setzte mit anderen Erinnerungen fort, wie z.B. Erzählungen über die Schüler im Dōjō. An einem Tag im Mai 1960 erwarb ich durch Zufall das mit Sensei bebilderte „Karate-dō Shidōsho“ (= Unterrichtsbuch des Karate-dō) in einem Antiquariat in der Stadt Hamamatsu. Und genau an diesem Tag erhielt ich unerwarteterweise die Nachricht von Sensei, dass er in die Hauptstadt reise. Dies kann ich nicht anders nennen als eine wirklich unerwartete Begebenheit. Einige Tage später kam es zu einem dramatischen Wiedersehen mit Sensei, als er in meiner Wohnung vorbei schaute. Seitdem begann eine erneute Freundschaft.

In diesen Zeiten hatten viele Leute ein Verlangen nach Selbst-Manifestation. Dazu zählen auch aufschneiderischer Ausschmückungen, überdies Personen, die nicht den Tatsachen entsprechende historische Berichte verbreiten, um sich durch solche Reklame zu verkaufen. Sensei hatte eine Abneigung dagegen, und war stattdessen der Überzeugung, dass man niemals die von einem selbst gemalten Bilder loben sollte. Sensei konnte eine solche Denkweise nicht verstehen, in der Art von „ich kann es nicht glauben!“ Wenn ich andererseits ab und zu in Gesprächen über meine eigenen Misserfolge berichtete, lehnte er dies als sehr unvernünftig ab, da eine solche Aufrichtigkeit regelmäßig Missverständnisse heraufbeschwöre. Sensei durchschaute mich in tiefer Weise, und sagte zum Zwecke meiner Selbstreflexion zu mir „Beim zweiten Mal wiederholt sich der Misserfolg nicht“ und „Man ist verantwortlich für seine Erfolge“, und bestärkte so mein Vertrauen in mich selbst.

Am 3. September 1970, verließ er, viele Erinnerungen hinterlassend, im Alter von dreiundsiebzig Jahren diese Welt. Nach der Bestattungsfeier trug Senseis in dessen Geburtsort Kumejima lebender älterer Bruder zum ersten Mal die einhellige Meinung der gesamten Verwandtschaft vor, dass des verstorbenen Senseis Überreste in seine Heimat Kumejima überführt werden sollten. Der Grund dafür war, dass er eine Person aus Kumejima sei, dem große Verdienste in der Stromerzeugung und Landgewinnung gebührten. Da er aber, so wie in obiger Misserfolgsgeschichte erwähnt, nicht selbst über die eigenen verdienstvollen Leistungen geredet hatte, wussten nur wenige seiner Schüler davon. Gleichermaßen waren bei der Bestattung zahlreiche Experten aus der Welt des Okinawa Karate anwesend, was wiederum die Herrschaften aus Kumejima sehr überraschte.

Zu seinen Lebzeiten sprach Sensei nicht über berühmte Meister aus der Welt des Karate. Und das Senseis Großvater (Kanegawa no Gibu, ein Schüler von Yafuso Okina) ein Meister des Ryūkyū Kobudō war, ist im Allgemeinen kaum bekannt. Dies ist ein Beweis dafür, dass Sensei kein Mensch war, dem es nach Selbst-Manifestation verlangte, sondern in der Tat eine Person von bescheidenem, höflichem Charakter.

Darüber hinaus besaß er in seinen späteren Jahren viele Ähnlichkeiten mit Funakoshi Gichin Sensei, hielt so gut er konnte den verehrten Lehrer in Ehren und übte sich in Selbstdisziplin. Er beeindruckte mich tief durch seine täglichen Worte und Taten.

Sensei studierte Karate-dō bei Funakoshi Gichin Sensei und Ryūkyū Kobudō bei Yabiku Mōden Sensei. Später, die plötzliche Ausbreitung und Entwicklung des Karate-dō in den Gebieten Kantō und Kansai sehend, bedauerte Sensei zutiefst, dass Ryūkyū Kobudō mit seiner langen Geschichte sich selbst in dessen Geburtsort Okinawa auf dem Pfad des Verfalls befand. Im Jahre 1940 führte dies – mit Funakoshi Gichin Senseis Erlaubnis – zu der Entscheidung, in seine Heimat zurückzukehren. Seitdem setzte er in Okinawa seine Forschungen fort und kompilierte vierzig verschiedene Kata mit Kun, Sai usw., einschließlich eigener Ideen wie Jigen Manji no Sai usw. Sein ganzes Leben hindurch vertiefte er sich in die Verbreitung und den Unterricht des Kobudō. Es ist Sensei zu verdanken, dass das Ryūkyū Kobudō nicht verschwand, und er erreichte sein Ziel, dieses für die Nachwelt zu erhalten. Bedauerlicherweise fiel er auf halbem Wege der Verbreitung und Entwicklung den Dämonen der Krankheit zum Opfer und starb. Aber die von Sensei hinterlassene, bedeutende Leistung wurde durch seine besten Schüler übernommen, wodurch es ausgezeichnet Aufblühen wird.

Als es bekannt wurde, dass Senseis Krankheit nicht mehr heilbar sei, haben seine besten Schüler ihn Tag für Tag am Krankenbett besucht und dort seine Belehrung erhalten, um die Kata und Traditionen des Ryūkyū Kobudō zukünftig und ewig weitergeben zu können.

Es ist sehr erfreulich, dass die Schüler nachher diese Ergebnisse der Belehrungen des Sensei gemeinsam als Buch herausgegeben haben und dieses vor dem Geiste (oder dem Grab) des verstorbenen Senseis darbrachten.

Wie Funakoshi Sensei mit der Entwicklung vom Tōdījutsu zum Karate-dō, so Taira Shinken Sensei im Ryūkyū Kobudō, vollendete jeder für sich als Ergebnis seiner Arbeit die jeweilige Restauration. […]

Was mich betrifft bin ich stolz darauf, sowohl Karate-dō als auch Ryūkyū Kobudō bei gewaltigen Lehrern studiert zu haben. Künftig moege man sich im Ryūkyū Kobudō und Karate-dō an die Tugend dieser gewaltigen verstorbenen Sensei erinnern, an deren anerkennenswerte Leistung, und mehr und mehr an der Ausbreitung und Entwicklung mitwirken, und so die Freundlichkeit der Sensei erwidern.

(Anmerkung: Alle genannten und verwendeten Quellen liegen dem Autor im Original vor)

Über den Übersetzer:

Andreas Quast ist Budoka, Autodidakt, Autor und Fotograf. Schwerpunkt seiner Forschungen ist die Geschichte und Anwendung verschiedener Kampfmethoden. Quast trainiert Karate, Kobudo und hat derzeit u.a. den 3. Dan Matsubayashi-ryu sowie den 2. Dan Ryûkyû Kobudô Hozon Shinkôkai.

HOPLOblog dankt Andreas Quast für seinen Gastbeitrag. Alle Rechte liegen beim Autor.

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