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Dietmar Stubenbaum ist Diplomlehrer der „National Taijiquan Association of the Republic of China“ und Präsident, Mitbegründer und Lehrer der „International Society of Chen Taijiquan„. Als Ausbildungsleiter für Chen Taijiquan Xiaojia lehrt Stubenbaum in Deutschland, Österreich, Luxemburg, Spanien und der Schweiz. 1995 gründete er  „Die Pagode„, ein Zentrum für traditionelle Bewegungs- und Kampfkunst. Sein Interesse an den Kampfkünsten begann bereits während seiner Kindheit, wo er sich im Judo und im Sportfechten übte. Später kamen dann unter anderem noch Aikido, Iaido, Kobudo, Kenpo und Karate hinzu. Stubenbaum lebte viele Jahre in Asien. In Japan lernte er Inyo Ryu Kenpo und traditionelle Waffensysteme. In Taiwan und China erlernte er Chen Stil Taijiquan und auch den seltenen kleinen Rahmen (xiaojia) in der Tradierung bei namhaften Lehrern wie Tu Zongren, Du Yuze, Chen Peishan und Chen Peiju. Ferner lernte auch Xingyiquan von Wu Guangxian und Luo Dexiu sowie diverse Arten des Qigong.

Herr Stubenbaum, seit Ihrer Kindheit haben Sie sich mit verschiedenen Methoden des Kampfes befasst. Was begeistert Sie vor allem am Taijiquan?

Im Taijiquan kann man nicht nur alles finden was eine Kampfkunst ausmacht, sondern es ist auch ein Weg, um sich selbst zu erfahren und zu erforschen. Die Prinzipien des Yin und Yang verkörpern sich im Taijiquan in idealster Weise.

Wenn man über das Taijiquan liest, wird es mal als Kampfkunst, mal als System der Bewegungslehre und Gymnastik aber auch als chinesischer Volkssport beschrieben. Wie würden Sie das Taijiquan definieren?

Es kommt darauf an, wie wir das sehen. Ich unterscheide hier zwischen einem traditionellem, einem rein Wettkampf orientiertem oder einem als Gesundheitsgymnastik betriebenen Taijiquan. Traditionelles Taijiquan stammt aus einer überlieferten Tradierung meist über viele Generationen. Es ist eine Kampfkunst, die der Gesundheit dienliche Bewegungsübungen beinhaltet, basierend auf einer profunden Theorie, die kulturelle, philosophische und die geistigen/spirituellen Aspekte widerspiegelt. Wettkampforientiertes Taijiquan besteht meist aus dem Performen einer sogenannten Form, wofür es von Wettkampfrichtern eine Punktevergabe gibt, wie z.B. beim Eiskunstlauf. Bei diesen Wettkampfformen spielen Ausdruck, Ästhetik und Kostüm eine Rolle, jedoch die innere Bewegung und Fertigkeit der Kampfkunst des traditionellen Taijiquans spielen keine Rolle. Beim wettkampforientierten Taijiquan gibt es dann auch noch das Tuishou. Hier versuchen sich in der Regel zwei Kontrahenten aus einem Kreis oder von einer Plattform zu schieben, den Gegner zu Fall zu bringen oder aus dem Stand zu verrücken, was dann mit Punkten dementsprechend honoriert wird. Beim Taijiquan als Gesundheitsgymnastik, wird die Form ausschließlich als langsame, fließende Bewegungschoreographie praktiziert. Der Kampfkunstaspekt interessiert weniger.

Es gibt natürlich auch viele traditionelle Taijiquan Praktiker, die an Wettkämpfen teilnehmen – vor allem in jüngeren Jahren.

Sie haben in den vergangenen Jahren verschiedene Länder in Ostasien bereist. Was haben Sie dort gefunden?

Um die Kampfkünste erlernen und erforschen zu können, schien es für mich unabdinglich in die Ursprungsländer zu reisen. Ich hatte das Glück, bei einigen sehr guten Lehrmeistern intensiv lernen zu dürfen. Ich habe nach traditionellen Kampfkunstsystemen gesucht, die ich dort auch fand. Natürlich war es sehr bereichernd, die Geschichte, Philosophie und Kultur der Länder besser kennen zu lernen und neue Freundschaften zu schließen.

Wie schwer ist es in China oder Taiwan einen Taijiquan-Meister zu finden, der jemanden als seinen persönlichen Schüler akzeptiert?

Es gehören schon teilweise Beziehungen dazu, die richtigen Meister zu finden, aber auch eine Portion Glück. Hat man einen Lehrmeister gefunden, folgt erst einmal die Bewährungszeit. Es ist meiner Meinung nach aber nicht nur wichtig einen namhaften Lehrer zu finden, sondern auch einen der gut vermitteln kann und will. Da gibt es große Unterschiede. Das hängt aber auch oft mit der oben genannten Bewährungszeit zusammen. Der Lehrer erwartet die Bereitschaft des Schülers, bitter essen zu können, was bedeutet, sich einem sehr intensiven, langen und anstrengenden Training zu stellen. Ist diese Bereitschaft vorhanden, kann man auch das Wohlwollen des Lehrers erlangen und einen dementsprechenden Unterricht erwarten.

Welcher von Ihren Lehrern hat Sie am meisten beeindruckt?

Das kann man nicht so einfach beantworten. Alle Lehrer, und es waren einige in den letzten Jahrzehnten, hatten und haben Ihre speziellen Fähigkeiten und Besonderheiten die sehr beeindruckten. Bei der alten Generation von Lehrern lernen zu dürfen, bedeutete auch vieles dieser Zeit mit aufzunehmen. Altmeister Du Yuze zum Beispiel, war nicht nur ein formidabler Kampfkünstler, sondern auch ein lebendiges Lexikon mit Informationen zu den alten Kampfkünsten seiner Zeit.

Bei Chen Peishan, einem leiblichen Nachfahren des Begründers des Chen Stils, beeindruckte mich besonders seine anmutende Geschmeidigkeit und enorme Fertigkeit und Kenntnis der inneren Bewegung (neijin) im Taijiquan. Und bei Luo Dexiu beeindruckte mich seine unglaubliche Kampfstärke im Baguazhang und Xingyiquan usw., durch die Umsetzung der Prinzipien.

Neben dem Unterrichten von chinesischen Kampfkünsten, liegt Ihr Fokus auf der Erforschung alter Kampfkünste aus Ost und West. Dazu gehört unter anderem auch die Lektüre von chinesischen Originalquellen. Aber wie groß ist die Bedeutung von Fachbüchern und historischen Lehrschriften für das Üben des Taijiquan und Qigong?

Uns ist die Kultur und die Geschichte der asiatischen Kampfkünste nicht in die Wiege gelegt worden. Um die Kampfkünste besser verstehen zu können, sollte man wissen woher sie kommen. Was ist der kulturelle und spirituelle Hintergrund? Das Studium historischer Quelltexte und deren Umfeld, gibt dem westlichen Schüler mit Sicherheit ein tieferes Verständnis in seine Kampfkunstdisziplin. Natürlich braucht es hierfür kommentierte Übersetzungen von Experten, die der Sprache der jeweiligen Literatur mächtig sind. In diesem Zusammenhang wird in Zusammenarbeit mit meinen Lehrern und dem Sinologen und Kampfkunstexperten Dr. Hermann Bohn, das Taijiquan Tushuo (Kommentare zu den Graphischen Erläuterungen des Chen Stil Taijiquan) von Chen Xin erstmals komplett kommentiert und in deutscher Sprache von mir herausgegeben. Diverse andere Projekte sind auch in Vorbereitung.

Neben dem Taijiquan, Qigong und Xingyiquan praktizieren Sie auch Akupunktur und Moxabehandlung. Wie sehr sind fernöstliche Heilmethoden im Westen anerkannt?

Zwischenzeitlich erfahren sie eine große Akzeptanz. Nur werden die Heilmethoden, wie auch die Kampfkünste, oft aus ihrem kulturellen, philosophischen und spirituellen Umfeld herausgerissen. Im Falle der Akupunktur, kann das Einbeziehen in eine Diagnose aber durchaus von bedeutender Wichtigkeit sein.

Man sticht aber normalerweise keine Nadeln nach Symptomen, die in einem Rezeptbuch stehen. Jedoch wird die Akupunktur bei uns im Westen oftmals auf diese Weise betrieben.

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