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Michael Reinhardt ist ein Adept der Schwertkampfkunst und engagierter Blogger. In seinem populären Blog „Life for a Sword. Ein Leben für die Schwertkunst“ (fast 30.000 Besucher) berichtet er seit 2008 über die Kampfkünste mit besonderem Schwerpunkt der japanischen Schwertkünste. Reinhardt betreibt selbst Tenshin Shôden Katori Shintô ryû seit 2005 und ist Schüler von Sugino Yukihiro aus Kawasaki, Japan. Darüber hinaus betreibt er Musô Shinden ryû Iaidô und beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte und den Traditionen der klassischen Kampfkünste Japans.

Seit 2008 berichtest Du online über die japanischen Schwertkünste. Wie würdest Du Deinen Blog beschreiben?

Angefangen hat alles im Jahre 2006 mit meiner zweiten Reise nach Japan. Damals ging ich für gut ein Jahr nach Japan und wollte meiner Familie und Freunden eine Möglichkeit bieten, an meinem Leben teilhaben zu können. Damals berichtete ich noch überwiegend über private Angelegenheiten und nach meiner Rückkehr im Sommer 2007 schlief der Blog ein. Da mein Interesse an den klassischen Schulen aber immer grösser wurde, entschloss ich mich, den Blog unter einem anderen Host neu aufzusetzen. Das war im Jahre 2008. Seitdem wird in eher unregelmässigen Abständen über die klassischen Kampfkünste Japans berichtet. Anfangs nur rein auf die eigentlichen Schulen, Techniken und Prinzipien fixiert, hat sich gerade in den letzten Monaten der Fokus auch ein wenig gewandelt. Ich berichte nun auch vermehrt über andere kulturelle Aspekte, die aber immer einen gewissen traiditionellen Bezug zu den Kampfkünsten aufweisen. Ein gutes Beispiel hierfür ist mein Beitrag über die Kunst der Falknerei in Japan. Dabei handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Englischen, die systematisch die Geschichte der Falknerei in Japan dokumentiert. Am liebsten habe ich aber wohl die Reihe „Das Dôjô: Kampf. Kunst. Kultur“. Dabei handelt es sich um Erlebnisberichte die ich verfasst habe, nachdem ich diverse Dôjô persönlich besucht hatte. Dabei geht es mir immer um das Gesamtbild. Daher auch der Zusatz: “Kampf.Kunst.Kultur”. Oftmals wird nur einseitig über Schulen, Lehrer oder Techniken geschrieben. In meiner Reihe versuche ich, ein stimmiges Gesamtbild zu kreieren. Dabei spielt die Architektur des Dôjô oder auch dessen Gründung eine Rolle. Die Geschichte interessiert mich, die Anekdoten und Erzählungen über vergangene Tage. Geschichten über die Schule, ihren Wandel, Probleme. Ich habe mir irgendwie den Tick angewewohnt, dass ich jedesmal, wenn ich ein altes Dôjô betrete, mit meinen Händen über den Boden fahre, damit ich einen gewissen Bezug zu den Räumlichkeiten aufbauen kann. Ein abgenutzter Holzboden ist einfach wunderbar! Ich muss sagen, der Holzboden in Matsushiro war wirklich eine Wonne! Dort zu trainieren, das muss es gewesen sein!

Mit meinem Blog versuche ich, gewisse Teile der japanischen Kultur in Unserer bekannt zu machen. Die alten Kampfkünste Japans laufen immer Gefahr, ähnlich wie die traditionellen Handwerkskünste in Europa, auszusterben. In ihnen werden nicht alleine Techniken überliefert, sondern Prinzipien und moralische Vorstellungen, die sich über einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren entwickelt haben. Vieles was heutzutage im Kendo oder Judo praktiziert wird, entstammt den klassischen Künsten. Ich möchte aufzeigen, woher dieses kommt und welche Persönlichkeiten in der Vergangenheit diesen Weg gegangen sind.

Für Deine Reihe „Das Dôjô: Kampf. Kunst. Kultur“ hast Du bereits schon eine Vielzahl von Schulen für Schwertkunst besucht und porträtiert. Welche davon hat Dich am meisten beeindruckt?

Lasse ich die letzten Jahre Revue passieren, gab es einige wirklich interessante Begegnungen: 2007 war ich mit meinem Sempai für einige Tage unterwegs auf Kyushu. Unser Weg führte uns bis runter nach Kagoshima. Dort ist u.a. die Togo Jigen ryû beheimatet und wir haben es uns nicht nehmen lassen, der Schule einen Besuch abzustatten. Das Besondere: Direkt neben dem Dôjô – welches man besichtigen konnte – gab es Museum mit Exponanten aus der Geschichte der Schule. Wirklich sehr interessant! Im Foyer gab es zudem einen kleinen Shop mit allerhand Büchern, Bokutô, DVDs, usw. Das Schöne an dem Tag: Es waren keine anderen Besucher anwesend und daher hatten wir die Gelegenheit bekommen, von einem Mitglied der Schule in die Techniken eingeführt zu werden. Zunächst erklärte er uns den Aufbau des Dôjô, die gängige Praxis des Trainings und ging anschliessend dazu über, die wichtigsten technischen Aspekte zu erläutern. Darunter das Tategi-Uchi, also das Schlagen eines in den Boden gerammten Pfahls sowie die Besondersheit von Tonbo-no-kamae, einer Kamae welche entfernt verwandt mit der Hasso-no-kamae oder vergleichbaren Kamae anderer Schulen ist. Nach einigen Durchgängen durften wir dann das Gesehene selbst in die Tat umsetzen und den Pfählen zu Leibe rücken. Nach einer guten Stunde im Dôjô wollten wir uns so langsam auf den Weg machen, als der Soke der Schule das Dôjô betrat. Er war wirklich sehr nett, wollte er uns doch im Foyer gleich in ein Verkaufsgespräch verwickeln! Es ging um zwei wirklich schöne Bokutô, die preislich aber leider nicht in Rahmen lagen. Er war sehr hartnäckig und sah in seinen Klamotten – weißer Jogginganzug und Turnschuhe, dunkler Sonnebrille und Goldarmbanduhr – eher wie ein Bewohner St.Paulis aus, als ein Oberhaupt einer jahrhunderte alten Schule. Komischerweise hat der Mercedes S500 – natürlich ebenfalls in weiss mit goldfarbenen (!) Felgen – diesen Eindruck noch ein klein wenig verstärkt. Obwohl er uns nicht auf einer technischen Art und Weise beeindruckt hat (und das hätte er mit Sicherheit!), hat er uns aufgezeigt, dass hinter den grossen Meistern und Oberhäuptern einfach nur ganz normale Menschen stecken. Heutzutage gibt es leider oftmals die Tendenz, allzu sehr in den Sog des Personenkults hineingezogen zu werden. Gerade in unserer westlichen Welt wird gerne die eigentliche Persönlichkeit über die der anderen gestellt und leider finden sich hierzu auch nicht sehr erfreuliche Beispiele in der Kampfkunst. Da werden ominöse Verbände gegründet, Stile auf Basis historisch nicht belegbarer Geschichten erfunden, Graduierungen kreiert und Meistertitel noch und nöcher vergeben. Diverse „Soke Shihan Dai-Sensei” – wie sich manche zu nennen pflegen – meinen, hohe Graduierungen und die Anzahl ihrer Titel würden ausschlaggebend für die Schülerzahl und die Anerkennung innerhalb der Gruppe sein. In Japan ist dem nicht so. Obwohl es auch hier einige „Lichtgestalten“ gibt, hat der Großteil eine fundierte Ausbildung in den jeweiligen Stilen und muss nicht auf Basis von Halbwissen eigene Schulen gründen, um diese an den Mann zu bringen. Ich glaube, die Community hier ist einfach auch sehr eng gestrickt und schwarze Schafe sprechen sich schnell rum.

Zwei weitere Persönlichkeiten die ich kennen gelernt habe, waren Masaki-sensei von der En ryû  und Shimazu-sensei von der Yagyu Shingan ryû  sowie Morishige ryû . Masaki-sensei lernte ich im letzten Jahr kennen. Er kam mit einigen seiner Schüler in unser Dôjô um ein Koryûkai abzuhalten. Dabei handelt es sich um einen freundlichen Austausch untereinander, bei dem sich gegenseitig die jeweiligen Schulen vorgeführt werden mit anschliessendem Fachsimpeln und gemeinsamen Essen zur Festigung der Beziehungen. Masaki-sensei war lange Schüler von Yamamoto-sensei, Lehrer der Asayama Ichiden ryû und Muhi ryû. Im Auftrag von seinem Lehrer und nach dessen Tod gründete Masaki-sensei die En ryû, eine Schule mit nicht einmal 30 Jahren auf dem Buckel. Masaki-sensei bündelte beide Schulen und nannte sie darafhin En-ryû . Die Schule ist wirklich sehr klein und unbekannt. Ich selbst hatte bis dato auch nichts von ihr gehört, war aber sichtlich beeindruckt. Masaki-sensei ist von kleiner aber kräftiger Statur und sein gezeigtes Jôjutsu war eine Augenweide! Jetzt im April wird es am berühmten Yasukuni-Schrein eine gemeinsame Vorführung mit der En ryû geben. Darauf freue ich mich schon sehr.


Vor einigen Wochen hatte ich dann auch die Gelegenheit, Shimazu-sensei von der Yagyu Shingan ryû kennen zu lernen. Wie ich vor einer Woche hörte, ist er momentan gesundheitlich leider etwas angeschlagen. Als ich einem Training beiwohnen durfte, ging es mir primär um die Morishige ryû, einer Schule der Schießkunst. Da an dem Abend aber auch Training in der Yagyu Shingan ryû war, hatte die Gelegenheit, beide Schulen ein wenig kennen zu lernen. Shimazu-sensei ist ebenfalls nicht gerade ein Riese und doch hatte er mich sehr beeindruckt mit seinem Können. Während der Jûjutsu-Einheit sass Sensei mit einem anderen Herren der Morishige ryû auf einem Sofa und beide diskutierten über die nächsten Vorführungen und den geplanten Ablauf. Trotzdem hatte er immer ein Auge auf seine Schüler und sobald es irgend etwas zu korrigieren gab, ist Sensei aufgesprungen und mit den Worten „Dame! Dame!“ – deren Bedeutung (in höflicher Übersetzung) mit „Das ist falsch!“ zu übersezten wäre – auf die Matte gestampft und fing dann an wie wild zu korrigieren. Dabei waren seine Bewegungen so präzise und bestimmt, dass keiner seiner Schüler – alle mindestens ein, wenn nicht sogar zwei Köpfe grösser als er – ihn wirklich fixieren, geschweige denn kontrollieren konnten. Sensei bewegte nur kurz die Hände und seinen Körper und schwups, flogen die Schüler über die Matte. Wirklich interessant wurde es allerdings erst, als Sensei sich zwei Bokutô mit Saya schnappte. Eins gab er einem Schüler und das andere behielt er. Anschliessend demonstrierte er diverse Schwerttechniken der Schule, u.a. auch den Gebrauch des Schwertes mit der linken Hand. Dieser kleine Mann hat solch eine Energie freigesetzt, unglaublich! Er fing an, hier und dort Techniken zu erklären, sowohl aus der eigenen wie auch aus anderen Schulen, demonstrierte, lachte, schwelgte in Errinerungen und berichtete wie im Fluss von seinen Erfahrungen. Es sprudelte förmlich aus ihm heraus und wir alle standen staundend um ihm herum. Dieser kleiner Mann, so unscheinbar in seinem Auftreten, hat mich sehr bewegt. Er teilte bereitwillig sein Wissen und war darüber hinaus auch an mir und meinen Erfahrungen interessiert. Ein wirklich äußerst netter Mann, den ich bestimmt noch einmal besuchen werde.

Du lebst derzeit in Japan und hast verschiedene japanische Meister getroffen. Bei wem hast Du trainiert und wie war das Training?

Während meiner ersten Zeit in Japan wohnte ich in der Präfektur Saitama in einer relativ kleinen Stadt, ca. 30 Minuten von Tokyo entfernt. Ich hatte großes Glück und fand ein Iaidôjô der Muso Shinden ryû  unter der Leitung von Nakamura-sensei. Bereits vorher in Deutschland hatte ich diese Art des Iaido neben der Shintô ryû betrieben und hatte somit die Möglichkeit bekommen, dieses auch in Japan fortzusetzen. Nakamura-sensei entstammt dem Dôjô von Danzaki-sensei, einem der bekanntesten Lehrer der Schule und direkter Schüler von Nakayama Hakudo. Nakamura-sensei selbst hat kein eigenes Dôjô im Sinne eigener Räumlichkeiten. Vielmehr wurde eine sehr grosse Turnhalle für das Training genutzt. Die Gruppe an sich war sehr klein – im normalem Training waren meistens nur fünf bis sechs Herren anwesend. Ich war natürlich der Jüngste und meine Sempai und auch Sensei waren weit in ihren 60ern. Trotzdem nahmen sie mich sehr herzlich auf und waren darüber hinaus außerordentlich an Deutschland und der Situation des Iaidô in Deutschland interessiert.

Das Training an sich gestaltete sich wie folgt: Trainingsbeginn war 19:00 Uhr, doch kam es nicht selten vor, dass einige Mitglieder der Gruppe erst verspätet eintrafen. Jeder für sich begann mit einem kurzen Aufwärmtraining und anschließendem Angrüssen. Danach ging es mit der eigenen Arbeit an den Kata los. Sensei ging zwischenzeitlich immer durch die Reihen und korrigierte die jeweiligen Fehler die auftraten. Nach etwas mehr als einer Stunde wurde eine kurze Pause gemacht und diverse Dôjôinterne Dinge besprochen. Meistens ging es dabei um anstehende Prüfungen oder Vorführungen. Nach der Pause wurde sich in einer Reihe aufgestellt und auf Basis einer Auswahl von fünf Kata eine Prüfung simuliert: Sensei stoppte dabei die Zeit und gab anschließendes Feedback. Diese ganze Prozedur mit mehrmaligen Durchgängen dauerte immer gut 30 Minuten. Nach zwei Stunden wurde das Training mit einem gemeinsamen Abgrüssen beendet. Dieses war die gängige Prozedur des Trainings.

Sensei hat immer sehr viel Wert auf die kleinen Details gelegt: Schnittwinkel, Körpereinsatz (das richtige Zusammenspiel von Hüfte, Armen, Beinen …) und der nötige Pfiff lagen ihm besonders am Herzen. Obwohl fast 70 Jahre alt, wollte er mit seinen Kata – ich nenne es mal ganz salopp – das Blut spritzen sehen. Das mag jetzt vielleicht ein wenig martialisch klingen, doch trifft es den Kern der Sache ziemlich gut wie ich finde. Iaido ist – gerade in den westlichen Kreisen – oftmals weit weg von den eigentlichen Zielen und Prinzipien. Iai, in welcher Form auch immer und mit welcher Endung (-dô, -jutsu) oder Bezeichnung (Battô), zielt immer darauf ab unseren Gegenüber nieder zu strecken. Dieses Martialische, der Wille wirklich zu schneiden, fehlt vielen westlichen (und leider auch manchen japanischen) Praktizierenden. Nur reiner Katatanz mag vielleicht nett aussehen, bringt einem den höheren Aspekten der jeweiligen Schule aber nicht näher. Ein Schnitt muss schneiden und dazu gebrauch es eben auch die nötige Geisteshaltung. Und das fängt schon beim Reiho an: Wirklichen Könnern ihrer Kunst sieht man ihre Fähigkeiten bereits hier an: Absolute Gelassenheit und schnörkellose Bewegungen, keine zu viel oder zu wenig. Die Fokussierung auf den imaginären Gegner, die innere Spannung, locker und nicht verkrampft. Iai ist hierfür ein sehr gutes Beispiel. Da fällt mir eine nette Anekdote ein, die mir einer meiner langjährigen Freunde berichtet hat. Er selbst betreibt seit vielen Jahren Shôtôkan ryû Karate und hat ebenfalls für mehrere Jahre in Japan gelebt und trainiert. Eines Tages war Wettkampf und sein Lehrer, Mitte 70, nahm in seiner Alterklasse am Turnier teil. Waren seine jungen Schüler aufgeregt und unter Strom, war Sensei ganz locker und entspannt. Man sah ihn in einer Ecke der Halle stehen und trainieren. Aber nicht seine Kata, sondern das Entgegennehmen der Urkunde. Den Jünglingen sind natürlich die Augen rausgefallen – doch Sensei ging anschließend einfach zu seiner Position, zeigte seine Kata und – gewann! Die ganze Zeit über war er weder aufgeregt, noch war sein Geist unruhig. Er nahm es hin wie es war und stellte sich einfach so, ohne Nachdenken und die Verschwendung von Gedanken an das “Was wäre wenn?”, in die Halle und zeigte seine Kunst. Diese mentale Geisteshaltung ist es, die ich für erstrebenswert erachte.

Mein Lehrer hier in Japan in der Shintô ryû ist Sugino Yukihiro-sensei, Sohn von Sugino Yoshio-sensei, einem der berühmtesten Lehrer für Kampfkunst des letzten Jahrhunderts. Sensei lernte ich das erste Mal 2005 in Deutschland kennen und schon damals war ich sehr beeindruckt von dem Können dieses Menschen. Seine Art das Schwert zu führen hatte etwas sehr lockeres und einfaches an sich, aber doch war es bestimmt in der Intention und voller Kontrolle. Kontrolle über die eigene Waffe, den Korper und auch Kontrolle über den Partner. Dieser Eindruck hat sich bis heute gehalten und sogar noch verstärkt. Jedes Mal, wenn ich Sensei im Dojo beobachte, sehe ich die vielen Jahre an Erfahrung und die absolute Natürlichkeit seiner Bewegungen im Einklang mit der Waffe. Dort hinzukommen ist eines meiner großen Ziele und ich bin sehr froh, unter so einem hervorragenden Lehrer lernen zu dürfen.


Neben denen, die Du bereits kennengelernt hast, welchen japanischen Kampfkunstmeister würdest Du gerne einmal treffen?

Hm – gute Frage! Wurden Zeitmaschinen schon erfunden..? Nein, Scherz beiseite: Ganz oben auf meiner Liste steht Kuroda Tetsuzan-sensei. Er hat sein Dôjô in Omiya (Saitama) und unterrichtet Komagawa Kaishin ryû Kenjutsu und einige andere Schulen, die als Tradition innerhalb seiner Familie überliefert wurden. Ihn selbst habe ich einmal auf einem Embu 2007 live erleben können. Schon damals war sein Ruf äußerst gut, auch wenn es einige kritische Stimmen aus den Reihen der eher – sagen wir – orthodoxeren Schulen zu hören gab und immer wieder gibt. Die Techniken seiner Schule unterscheiden sich auf den ersten Blick sehr stark von dem, was üblicherweise die Regel ist. Obwohl Regel vielleicht die falsche Bezeichnung wäre. Was mir besonders imponiert, ist das unglaublich gute Zusammenspiel von Körper und Schwert. Auch sein Jujutsu ist von ausserordentlicher Qualität. Er versteht es, seinen Körper in bestmöglicher Manier zu benutzen und das jeweilige Ergebnis herbeizuführen. Ushiro Kenji oder auch Hino Akira gehen zwar andere Wege, zielen aber bei ihren Ausführungen in die selbe Richtung. Kuroda-sensei hat mehrere Bücher zu seinen Schulen und den in ihr liegenden Prinzipien verfasst und viele davon sind heutzutage out-of-print und nur für wirklich sehr viel Geld zu bekommen. Das Sugino-Dôjô selbst hatte immer eine sehr gute Beziehung zu der Familie Kuroda: Sugino Yoshio-sensei sowie Kuroda-senseis Großvater waren eng miteinander befreundet und es kam nicht selten vor, dass die Schulen sich gegenseitig besuchten, für einen regen Austausch untereinander.

Welche Sache mir aber wohl noch viel mehr Freude bereitet, ist nicht direkt auf einzelne Personen bezogen, sondern eher auf die Schulen, die sie verkörpern. Obwohl ich selbst einer sehr bekannten und alten Schule angehöre, schlägt mein eher Herz für die kleinen Schulen, abseits der großen Schmelztiegel vergangener Tage und diejenigen, die eher zurückgezogen leben und vielleicht in einem kleinen Dorf oder auf einer Insel ihre Tradition fortführen. Geplant ist, dass ich diesen Sommer für einige Tage Richtung Kyûshû aufbreche, der südlichsten der vier japanischen Hauptinseln. Man sagt, dass sich dort einige sehr kleine und interessante Schulen aufhalten und seit vielen Jahrhunderten von dort nicht weggegangen sind. Eine dieser Schulen, die Kurama Yoshin ryû , ist eine dieser Schulen. Sie hat ihren Ursprung am Berg Kurama in Kyoto und hat ihren Weg bis hinunter auf eine kleine Insel in der Nähe der Küste Kagoshimas gefunden. Die vielen Sprungtechniken und die enge Verbindung zu den Tengu haben mich in den letzten Wochen nicht mehr losgelassen. Solche Schulen sind es, die mein Herz höher schlagen lassen, wenn ich an Koryû Bujutsu und ihre Traditionen denke. Eine andere Schule, die ich ebenfalls besuchen werde, ist die Taisha ryû  unter der Leitung von Yamakita-sensei. Ihn habe ich das erste Mal vor vielen Jahren auf DVD bewundern können. Damals bekam ich von einer guten Freundin eine Dokumentation des japanischen TV-Senders NHK über die Schulen des Koryû Bujutsu. Yamakita-sensei hat auf mich einen sehr gütigen und freundlichen Eindruck gemacht. An sein Lächeln erinnere ich mich immer noch. Heutzutage bietet die Schule “Probestunden” speziell auch für interessierte Ausländer an. Nach vorheriger Absprache ist es möglich, Unterricht zu bekommen. Also eher untypische Wege sind vielleicht einer der Gründe, um diese Traditionen vor dem Niedergang zu bewahren. Persönlich würde ich mich gerne ein wenig mit Yamakita-sensei unterhalten. Über sein Leben, seine Erfahrungen und seine Gedanken zum Budo und das Studium der Kampfkünste. Insgesamt plane ich, vier bis fünf Schulen zu besuchen und das Erlebte als eine Art Reisetagebuch auf meinem Blog zu publizieren. Kyûshû hat eine lange und traditionsreiche Geschichte und die dort ansässigen Schulen sind mir in den letzten Jahren sehr ans Herz gewachen.

Durch meine Publikationen versuche ich, gewisse Teile der japanischen Kultur dem westlichen Kulturkreis zugänglicher zu machen. Japaner selbst sind oftmals überfragt, wenn man ihnen den Begriff “Koryû Bujutsu” als Antwort auf die Frage gibt, welcher Leidenschaft man den nachgehen würde. Das Interesse an diesem Teil ihrer Kultur ist leider auch nicht besonders groß und so hoffe ich, dass meine Artikel vielleicht einen kleinen Teil dazu beitragen könnten, dass Traditionen, die seit vielen Jahren Bestand haben, nicht einfach aussterben. Vielleicht gibt es ja den ein oder anderen Leser, der auf Basis meiner Recherchen die Entscheidung getroffen hat, eine dieser Schulen zu besuchen oder sogar Mitglied zu werden. Das würde mich wirklich glücklich machen und mich in meinem weiteren Vorhaben bestärken.

Wie sehr schätzt Du als Blogger den Wert von Kampfkunst-Blogs und elektronischen Publikationen (wie z. B. das EJMAS) gegenüber Fachmagazinen ein, die ausschließlich im Print erscheinen?

Der unglaubliche Vorteil elektronischer Publikationen ist die Möglichkeit, schnell und einfach flächendeckende Informationen zu verteilen, je nach eigenem Geschmack und Ideal. Gerade die amerikanischen Publikationen wie EJMAS oder Furyû bieten einen Fundus an Wissen, immer und überall verfügbar. Deutschsprachige Printpublikationen kenne ich bis auf Cultura Martialis, welches leider eingestellt worden ist, nicht. Obwohl, es gibt natürlich die einschlägig bekannten Magazine, doch habe ich mich nie wirklich mit diesen befasst. Sie entsprachen einfach nicht meinem Interessengebiet und erschienen mir oftmals ein wenig – too much: Zu viel Werbung, zuviel Selbstdarstellung und wenn dann mal ein interessanter Beitrag dabei war, schlecht recherchiert. Die Japaner sind in der Hinsicht natürlich viel weiter: Hiden und die Publikationen vom Nippon Budokan erscheinen in regelmässigen Abständen und bieten eine Fülle an Informationen. Sie sind etabliert und bieten auf ihren Onlineseiten weiterführende Informationen. So bietet BAB z.B. einen Dôjôführer an, mit Informationen zur Schule und Lehrerschaft, Orten, Zeiten und zusätzlichen Informationen.

Blogs hingegen sind oftmals eher spezieller Natur. Neulich wurde ich auf einen Blog aufmerksam gemacht, der sich inbesondere mit der Architektur der Dôjô auseinandersetzt. Spezieller Natur, aber sehr interessant und lesenswert! Ein wirklich etablierter Blog trägt den Namen Kenshi247.net und hat sich innerhalb der Internetgemeinschaft zu einer wirklichen Instanz etabliert. Der Autor selbst lebt hier in Japan und unterrichtet dort ebenfalls. Solche Blogs sind es, die ihren Teil zur Aufklärung des Westens über die japanischen Kampfkünste beitragen. Immer noch herrschen Vorurteile und Mißstände gegenüber Themen, die seit Jahren bekannt sind, nie aber ihren Weg in den Westen gefunden haben oder einfach auch nich anerkannt werden wollen. Der Westen neigt leider sehr oft dazu, Dinge zu mystifizieren und darüber hinaus in Schubladen zu unterteilen. Die japanische Kultur hingegen bewegt sich eher im Gebiet der Graustufen: Schwarz und weiss, also eindeutige Einteilungen, findet man selten. Ein Begriff kann auf der einen Seite so, auf der anderen so interpretiert und ausgelegt werden. Kategorisiert man, läuft man Gefahr, den eigentlichen Aspekt der Sache aus den Augen zu verlieren und man versteift sich auf Äußerungen, die mit der eigentlich Aussage nichts mehr gemein haben.

Haben periodische Fachmagazine noch eine Zukunft oder wird es in einigen Jahren nur noch ausschließlich digitale Publikationen geben?

Schaut man sich die Publikationen von BAB oder dem Nippon Budokan an, so denke ich schon, dass es auch in den folgenden Jahren weitere Printmagazine geben wird. Obwohl das Internet im vergangenen Jahrzehnt noch mehr an Bedeutung gewonnen hat, wird es ohne schriftliche Publikationen schwierig, bestimmte Kundensegmente zu erreichen. Trotzdem denke ich, dass das multimediale Zeitalter sehr zum Wohle der Verbreitung der Kampfkunst beitragen kann und auch schon hat. Man berücksichtige nur mal die Möglichkeiten, die eine Plattform wie Youtube uns geboten hat! Trotzdem vertraue ich auch sehr auf das geschriebene Wissen zum Anfassen. Vielleicht nicht gerade in Magazinform, aber gute Bücher finden immer ihren Weg in mein Regal. Gerade in diesem Monat wird wieder ein Buch uber die Katori Shintô ryû veröffentlicht, dem ich schon gespannt entgegen fiebere. Besonders gerne habe ich auch meine regelmässigen Streifzüge durch die Antiquariate Tokyos. Manchmal hat man wirklich Glück und man findet einige wahre Perlen zu wirklich guten Preisen. Solches Wissen kann zwar auch in digitalisierte Form vertrieben werden, doch denke ich, dass sich der hierauf spezialisierte klassische Buchmarkt noch einige Jahren halten wird.

Wenn man sich die zahlreichen in Deinem Blog besprochenen Bücher sowie historischen Schriftrollen anschaut, ist es aus Deiner Sicht vorstellbar, dass ein Meister die Schriftrollen oder die Lehrbefähigung (menkyo kaiden) seines Stils irgendwann einmal in digitaler Form an seine Schüler weitergibt?

Ich glaube, dazu wird es in absehbarer Zeit nicht kommen *lach*. Persönlich gefällt es mir besser, ein geschriebenes Stück Papier in den Händen zu halten als einen kalten, leblosen eBook-Reader. Die traditionelle Art und Weise, Schriftstücke in Rollenform (und auch Heftform) zu veröffentlichen, hat einfach etwas sehr – klassisches, anmutendenes – an sich. Eine .pdf-File würde – bei aller Liebe zum Fortschritt – einfach nicht in das Gesamtbild hineinpassen. Traditionen sollten bestmöglich gewahrt werden. Dazu gehört dann eben auch die Art und Weise, wie Dinge überliefert werden. Sei es in Schriftform oder als Kuden, den mündlichen Überlieferungen.

Die Fotos wurden freundlicherweise von Michael Reinhardt zur Verfügung gestellt.

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