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Sixt Wetzler ist Trainer für Pekiti Tirsia Kali und forscht an der Universität Tübingen über Kampf und Kampfkünste im mittelalterlichen Island. Seit seiner Kindheit hat Wetzler verschiedene Kampfkünste und Kampfsportarten trainiert: Karate, Wing Chun und Jiu-Jitsu, Aikido und japanischen Schwertkampf sowie Boxen und Kickboxen. Im Enshin Karate erhielt er einen schwarzen Gürtel, im Thaiboxen wurde er 2000 Deutscher Meister. Im selben Jahr kam er zum ersten mal mit dem Pekiti Tirsia Kali in Berührung, das er seit 2003 ausschließlich betreibt.

Sie schreiben derzeit Ihre Dissertation über „Fighting and the combat arts in medieval Iceland“. Warum befassen Sie sich gerade mit Kampf und Kampfkünsten in Island? Wie kommt man auf diese Idee?

Das Thema meiner Dissertation – der aktuelle Arbeitstitel lautet „The martial arts of medieval Iceland: literary representation and historical form“ – ist vielleicht auf den ersten Blick ungewöhnlich, für mich aber die naheliegende Zusammenführung der Wissensfelder, die mich schon immer faszinieren: einerseits das Mittelalter und speziell die nordeuropäische Kultur, andererseits die Begeisterung für die Kampfkunst, die mein Leben weitgehend bestimmt. Seit meiner Kindheit habe ich verschiedene Kampfkünste und -sportarten trainiert. Nach dem Abitur liebäugelte ich zwar mit einem Sportstudium, entschied mich dann aber für die Religionswissenschaft, mittelalterliche Geschichte und Skandinavistik. Nach dem Studienabschluss hatte ich einige Zeit von der Uni Abstand und plante eigentlich gar nicht mehr zu promovieren, bis es mir bei einem Islandaufenthalt 2009 wie Schuppen von den Augen fiel: Warum nicht eine Arbeit über die Kämpfe in der altisländischen Literatur schreiben, um akademische Ausbildung und Kampfkunst zu verbinden? Ich nahm Kontakt mit meiner früheren Professorin, Stefanie Gropper, auf, und die war von der Idee überzeugt. Das hat mir Mut gemacht. So zentral die Kämpfe in den Isländersagas sind, so wenig Beachtung wurde ihnen bisher von literaturwissenschaftlicher wie historischer Seite entgegen gebracht. Diese Lücke will ich schließen.

Gibt es in Island so etwas wie ein systematisches Kampfsystem, wie wir es beispielsweise aus Ostasien und Südostasien kennen?

Im heutigen Island gibt es da eine Menge: Karate, MMA, Jeet Kune Do …

Im Ernst: Was es im mittelalterlichen Island eindeutig gab, war ein ausgefeiltes Ringkampfsystem. Ringkämpfe wurden zur allgemeinen Unterhaltung als Wettkämpfe ausgetragen; sie verfügten über Regeln (die anscheinend aber ein beträchtliches Maß an Varianten aufwiesen) und vor allem eine feste Terminologie für bestimmte Techniken. Da liest man von Fußangeln, Hüftwürfen und Beinfegern, alles Techniken, die auch in der heutigen glíma noch verwendet werden, dem nationalen isländischen Ringkampfsport. Wie diese Techniken trainiert bzw. unterrichtet wurden, dazu findet sich wenig – ich vermute, dass das spielerische Ringen an sich schon das Training darstellte. Wer sich speziell für dieses Thema interessiert, der bekommt einen Vorgeschmack in dem demnächst erscheinenden Band „Norræna Íþróttir. Spiel und Sport im mittelalterlichen Nordeuropa“, herausgegeben von Matthias Teichert. Dort habe ich einen Artikel dem altisländischen Ringkampf gewidmet.

Die Frage lautet nun: Wenn die Ringkampfterminologie zeigt, dass es ein klares Bewusstsein für kämpferische Technik gab, kann es das dann nicht auch im Bereich des bewaffneten Kämpfens gegeben haben? Einige der Sagas zeigen meiner Meinung nach deutlich, dass ihr jeweiliger Autor einiges vom Fechten verstand (Fechten hier als umfassender Begriff gemeint). Da lesen wir von Rückhandschlägen, Gewichtsverlagerungen, Beinaushebern … Und wenn es in einem Text aus dem späten 13. Jahrhundert heißt, einige Kämpfer schützten ihre Schwerthand mit einem Buckler (einem kleinen Rundschild) „so wie es Männer tun, die fechten“, dann spiegelt dies exakt die Vorgehensweise des ersten europäischen Fechtbuch MS I.33 wider, das ungefähr im gleichen Zeitraum entstand.

Dabei muss man beachten, dass Island Teil einer gesamteuropäischen Kultur war. So wie in Asien die chinesischen Kampfsysteme beträchtliche Strahlkraft entwickelten und umliegende Regionen beeinflussten, ist auch davon auszugehen, dass die Isländer kampfkünstlerische Einflüsse vom Festland und den britischen Inseln aufnahmen.

Für die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Kampfkünsten ist vor allem der Rückgriff auf entsprechende Literatur äußerst wichtig. Wie gut ist die Quellenlage für Ihr Forschungsprojekt?

Die Menge an Literatur ist riesig, die methodischen Probleme sind groß. Die mittelalterlichen Isländer haben, das ist ein Phänomen der europäischen Literaturgeschichte, eine gewaltige Menge an Text in der eigenen Sprache verfasst. Das berühmteste Genre stellen dabei die Isländersagas dar, die Episoden aus dem Leben der ersten Generationen nach der Besiedlung des Landes erzählen. Bewaffnete Auseinandersetzungen nehmen dabei großen Raum ein. Man darf sich die Geschichten ein bisschen Wildwest-mäßig vorstellen: Konflikte um Land und Vieh, um Ehre und Liebe werden blutig ausgetragen, und viele der Kämpfe werden sehr detailliert geschildert. Diese Kampfschilderungen bilden den Kern des Materials, mit dem ich arbeite. Nun ist die Schwierigkeit: Wir haben es hier eben mit Literatur zu tun – jede einzelne Stelle muss darauf hinterfragt werden, inwieweit sie die Lebenswirklichkeit des Autors abbildet, oder ob es sich um erzählerische Überformung handelt. Es ist ein bisschen so, als ob man aus einer Sammlung moderner Actionfilme das Karate oder Wu Shu herausdestillieren möchte. Fazit: Bevor ich irgendwelche kampfkunst-historischen Aussagen treffen kann, muss ich erst eine Menge literaturwissenschaftlicher Fragen beantworten, und meine Arbeit bekommt eine immer größere Gewichtung in dieser Richtung – deutlich mehr, als ich anfangs geplant hatte.

Zum Abgleich der erzählenden isländischen Literatur ziehe ich dann weitere schriftliche Quellen, Bildzeugnisse und archäologische Funde heran. Beispielsweise sind da – natürlich – die kontinentalen Fechtbücher, oder eine norwegische Unterweisung für junge Krieger aus dem 13. Jahrhundert; es gibt Illuminationen isländischer Handschriften, die gängige Bewaffnungen darstellen; ich habe Waffen- und Knochenfunde des mittelalterlichen Islands gesichtet usw. Soweit es mir der Rahmen der Arbeit erlaubt, möchte ich ein möglichst vollständiges Bild zeichnen.

Ihre Erkenntnisse aus den mittelalterlichen europäischen Quellen gleichen Sie mit der Geschichte und Praxis indonesischer und philippinischer Kampfkünste ab. Woran liegt es, dass sich in Europa, im Gegensatz zum ostasiatischen Raum, keine Tradition der Weitergabe von Generation zu Generation bis in die heutige Zeit gehalten hat?

Die philippinischen und indonesischen Kampfkünste finde ich deshalb als Vergleich spannend, weil sie bis ins 20. Jahrhundert zumeist in einem Kontext praktiziert wurden, der uns ganz ähnlich auch in den Isländersagas entgegen tritt: nicht als Ausbildung eines organisierten Militärs, sondern als Kampfsysteme einer bäuerlichen Gesellschaft, die häufig im Familien- oder Siedlungsverbund weitergegeben wurden.

Warum sich in Europa keine Kampfkunsttradition gehalten hat? Das ist zuerst einmal eine Frage der Perspektive. Olympisches Fechten, Ringen, Boxen, französisches Savate, studentisches Fechten in Deutschland sind allesamt Teil einer ununterbrochenen europäischen Kampfkunsttradition. Sie sind spezialisiert, gewiss, aber deshalb nicht als Degenerationsformen zu betrachten – Judo, Kendo oder Taekwondo sind genau so kulturell überformt und versportlicht. Einen tatsächlichen Unterschied gibt es einerseits in der größeren Zahl der Systeme, die in Asien verbreitet sind, und andererseits in der vielseitigeren Ausdifferenzierung, die diese Systeme erlebt haben. Da gibt es waffenbasierte Nahkampfstile, Budo zur Persönlichkeitsentwicklung, turnerisches Wu-Shu … Die spätere Durchsetzung neuer Militärtechnologie in Asien ist der offensichtliche Grund hierfür, ebenso wichtig scheint mir aber, dass die Kampfkunst in Asien fähig war, sich unterschiedliche Bedeutungsinhalte anzueignen und sich so in gesellschaftliche Kontexte einzuordnen, die im Westen durch andere Phänomene bedient wurden (Schusswaffen, Sport, Medizin, Esoterik, usw.). Was daran liegen mag, dass in der Konfrontation mit den westlichen Mächten die Kampfkünste als etwas spezifisch Eigenes gesehen wurden, das zur Stärkung einer eigenen Identität nutzbar gemacht werden konnte. Jedenfalls denke ich, dass sich die großen Unterschiede zwischen dem Westen und Asien in der gesellschaftlichen Stellung der Kampfkünste erst im späten 19. und im 20. Jahrhundert auftaten, sich diese Schere aber heute wieder schließt – wir nähern uns einer globalen Kampfkunstkultur.

Sie schreiben in Ihrer Projektbeschreibung, dass dem Kampf in der Geschichte der Menschheit eine zentrale Rolle zukommt. Warum, denken Sie, wird demgegenüber der (historischen) Hoplologie in der akademischen Welt so wenig Aufmerksamkeit geschenkt?

Das hat zum einen wissenschaftsgeschichtliche Hintergründe: Ein etabliertes Thema bildet Denkschulen, die Schüler heranziehen, die das Thema weiter ausdifferenzieren, was wiederum die nächste Generation von ForscherInnen hervorbringt – und so weiter … In diesem Prozess benötigen neue Perspektiven, die Wissensfelder definieren, anstatt sich bestehenden Disziplinen unterzuordnen, immer eine Zeit, um sich zu etablieren. Das ist aber eine Erfahrung, die jede akademische Disziplin machen musste – es gab auch eine Zeit vor der Religionswissenschaft oder vor der Gendertheorie, was wir uns in beiden Fällen heute nur noch schwer vorstellen können. Außerdem gibt es ja eine Menge an Forschung, die sich als hoplologisch klassifizieren lässt: Bewegungsuntersuchungen aus der Sportwissenschaft, Studien zur Geschichte der Samurai aus der Japanologie, archäologische Arbeiten über hochmittelalterliche Bewaffnung usw. Die Aufgabe lautet jetzt vor allem, diese unterschiedlichen Ansätze zusammenzuführen und einer vergleichenden Perspektive unterzuordnen.

Dann gibt es ein methodisches Problem: Kampfkunst liegt auf einer Schnittstelle zwischen körperlichem Tun und geistigem Gestalten, und das eine ist untrennbar mit dem anderen verwoben. Es kann schwerfallen, über Kampfkunst zu sprechen, wenn man die körperliche Dimension nicht nachvollziehen kann – und niemand kann in allen Kampfkünsten erfahren sein.

Drittens mag eine Rolle spielen, dass es auf einer persönlichen Ebene bei vielen Forschern Berührungsängste mit dem Thema gibt. Gewalt wird in der Wissenschaft vor allem als gesellschaftlich disfunktional wahrgenommen, als Störfaktor in der Kultur. Dass aber die Art und Weise, wie Menschen Gewalt ausüben, sie trainieren und in ihrem Selbstbild verorten, von großer Aussagekraft für eine Kultur ist, muss sich als Erkenntnis noch stärker durchsetzen. Wenn dies erst geschehen ist, hat man vielleicht auch weniger Befürchtung, sich auf wissenschaftlichem Parkett mit derartigen Themen als „Karate-Nerd“ zu disqualifizieren …

Welche Bereiche der Kampfkünste sollte sich die historische Hoplologie aus Ihrer Sicht zukünftig widmen?

Wie eben gesagt: Die Erforschung einzelner Erscheinungen der Kampfkunst findet in den verschiedenen Fächern bereits statt, und das wird sich in Zukunft hoffentlich noch verstärken. Das Ziel muss nun sein, Kampfkunst in all ihrer Vielfalt als Konstante menschlichen Kulturschaffens zu begreifen und zu beschreiben – und das dann auch in jene Teile der Forschung zu kommunizieren, die nicht unmittelbar involviert sind. Ich denke, dass Kampfkunst eine spezifische Form des Handelns ist, die sich von Sport, Tanz, Jagd usw. scheiden lässt. Für das Selbstverständnis der gesellschaftlichen Eliten auf dem ganzen Globus und über Jahrtausende hinweg war die Beherrschung der Kampfkunst ein bestimmendes Moment. Dabei ähneln sich die Strukturen der verschiedenen Kampfkunsttraditionen oft auf verblüffende Weise, und damit meine ich nicht nur ihr Bewegungsrepertoire. Es reicht also nicht, Einzelphänomene in den Blick zu nehmen; wir brauchen einen komparatistischen Ansatz, der die Kampfkunst als ganze beschreibt. Das ist auch deshalb so wichtig, damit man nicht in die Falle läuft, unbekannte Erscheinungsformen der Kampfkunst durch die Brille des eigenen Systems zu betrachten. Methodenreflexion wird wohl eine erste große Aufgabe, wenn man sich tatsächlich als Wissenschaft positionieren will.

Themen, die ich derzeit besonders lohnenswert finde, sind z.B. die Mythenbildungen in der Kampfkunst (dazu schreibe ich derzeit einen Beitrag für den diesjährigen Tagungsband der dvs-Kommission „Kampfkunst & Kampfsport“), die Kodierung und Transmission von Bewegungswissen, den Vergleich zwischen europäischer und asiatischer Fechttradition und das Verhältnis von bewaffneten und unbewaffneten Kampfsystemen. Das schöne ist: Wir gehen derzeit wie mit einem Käscher durch den überfüllten Fischteich – es gibt soviel, was noch getan werden kann!

Welche Projekte werden Sie nach dem erfolgreichen Abschluss Ihrer Promotion angehen?

Besonders gespannt bin ich darauf, wie die Arbeit der eben genannten Kommission in der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) sich weiter gestalten wird. Die letzten beiden Tagungen waren sehr fruchtbar, und ich freue mich schon auf die nächsten Jahre. Eine Idee in diesem Zusammenhang ist der Aufbau einer Studienbibliographie zum Thema; ob der allerdings realisiert werden kann, lässt sich noch nicht sagen.

Es gibt noch weitere Projekte: Die Ergebnisse der Tagung „Das Schwert – Symbol und Waffe“, die wir als kleines Team diesen Oktober veranstalten, möchten wir in einem Tagungsband veröffentlichen. Auch wurde ich gefragt, ob ich an der Gestaltung einer Ausstellung zum Thema „Kriegertum“ in einem süddeutschen Museum mitwirken möchte. Dann gibt es natürlich noch meine praktische Tätigkeit als Lehrer in der Pekiti Tirsia Europe, für die ich viel unterwegs bin, und auch für unseren FMA-Shop Panabas y Puntadas haben wir noch einiges geplant. Außerdem arbeite ich mit zwei Freunden an einem Konzept für eine Fernsehserie, ausnahmsweise mal etwas, das nichts mit Kampfkunst zu tun hat.

Langweilig wird mir also nicht werden – direkt nach Abschluss der Promotion allerdings möchte ich erst einmal von Tübingen nach Rom wandern. Nach der vielen geistigen und körperlichen Arbeit muss ich auch einmal etwas für mein Seelenheil tun …

Das Foto wurde freundlicherweise von Sixt Wetzler zur Verfügung gestellt.

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