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Julian Braun beschäftigt sich seit seiner Jugend intensiv mit der Theorie und Praxis östlicher Körperarbeit und Kampfkunst sowie westlicher und östlicher philosophischer und religiöser Systeme. Er studierte in München Japanologie, Philosophie und Völkerkunde und promovierte an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Das Thema seiner Dissertation lautet „Der ‚gemeinsame Weg von Schwert und Pinsel‘ – Philosophie und Ethik japanischer Kriegskunst der Tokugawa-Zeit (1603-1868)„. Seine Magisterarbeit trägt den Titel „Ninjutsu – Geschichte und Gegenwart„. Braun hat den „bunbu-Forschungskreis“ initiiert, einem losen Zusammenschluss wissenschaftlich-japanologisch arbeitender Personen, die sich mit diesen Themenfeldern unter ihrem je eigenen Blickwinkel und Schwerpunkt beschäftigen.

Herr Braun, Sie beschäftigen sich sowohl in Ihrer Magisterarbeit als auch bei Ihrer Promotion mit den japanischen Kampf- und Kriegskünsten. Wie sind Sie dazu gekommen, sich wissenschaftlich mit derartigen Phänomenen auseinanderzusetzen?

Als Kind habe ich mit Judo begonnen und dieses zunächst einige Jahre trainiert. Mit ca. 12/13 Jahren bin ich dann zu einem meiner Hauptlehrer gekommen, bei dem ich mich zunächst im Taekwondo, später auch in anderen Kampfkünsten übte. Daneben habe ich mich schon recht früh auch für die geistigen bzw. philosophischen Lehren des Abendlandes sowie Asiens interessiert. Als ich dann vor der Frage stand, was ich studieren will, war relativ schnell klar dass es wohl Sinologie oder Japanologie sein wird. Die eigentliche Entscheidung für Japanologie erfolgte dann intuitiv, und war im Nachhinein für mich genau die richtige. Das Studium war also im Grunde genommen die Fortsetzung und Ausweitung einer schon einige Jahre bestehenden tiefgreifenden Faszination für Kampfkunst und östliche Philosophie.

Welche Themen stehen dabei im Fokus Ihrer Arbeit?

Als japanologisches Hauptthema hat sich bei mir nach und nach die Edo- bzw. Tokugawa-Zeit (1603-1868) mit ihrer reichhaltigen Literatur zum Thema Philosophie und Ethik in den Kampfkünsten herauskristallisiert. Ich finde diese Epoche so spannend, weil hier sowohl eine Intensivierung einzelkämpferischer Bemühungen, als auch eine theoretische und ethische Untermauerung innerhalb der Kampfkünste stattfand. Diese Verbindung oder eigentlich Verschmelzung von Philosophie, Ethik und Kampfkunst ergab in meinen Augen etwas bislang noch nicht Dagewesenes mit einem „echten Mehrwert“ gegenüber den drei einzelnen Bereichen. Die unglaubliche Fülle an Texten dieser Zeit kreist dabei immer wieder um Fragen wie: Welche Bedeutung kommt der geistigen Verfassung im Kampf zu? Gibt es einen Zusammenhang zwischen einer für den Kampf förderlichen geistigen Verfassung und einer ethischen Lebensweise? Wie äußert sich kämpferische Meisterschaft? Diesen Fragen nachzugehen, finde ich ungeheuer spannend und bereichernd.

Sie haben den „bunbu-Forschungskreis“ ins Leben gerufen. Was ist das und welche Zielsetzung verfolgen Sie damit?

Ich habe vor einigen Jahren begonnen, mir zu überlegen welche deutschsprachigen Japanologen sich denn noch mit diesen Themen beschäftigen. In diesem Zusammenhang habe ich unter anderem mit Andreas Niehaus und Heiko Bittmann Kontakt aufgenommen. Nach und nach habe ich dann noch weitere Personen kennengelernt bzw. von anderen erfahren. Irgendwann kam mir dann die Idee, ob es nicht hilfreich sein könnte, diese in Deutschland und darüber hinaus verstreuten Personen zu fragen, was sie von einem informellen Zusammenschluss halten würden. Dadurch ist dann der „Forschungskreis zur Theorie, Praxis und Philosophie japanischer Kampfkünste“ (bunbu-kenkyûkai) entstanden. Mein erstes Anliegen war im Grunde genommen nur, diejenigen Personen, welche sich wissenschaftlich-japanologisch mit den Kampfkünsten beschäftigen, kennenzulernen und zu vernetzen. Einige kannten sich ja schon vorher, andere aber noch nicht.

Was sind die Aufnahmekriterien und wer nimmt daran bisher Teil?

Ich denke, es ist wichtig herauszustellen, dass der Forschungskreis zwar von mir initiiert wurde, aber nicht „mein“ Forschungskreis ist. Es gibt darin weit versiertere Mitglieder, z. B. was die Japanisch-Fertigkeiten betrifft. Es gibt auch keine speziellen Aufnahmekriterien; viele Mitglieder haben Japanologie studiert oder sind dabei es zu studieren; aber nicht alle. Bislang war es so, dass ich die möglichen Interessenten einfach angeschrieben habe. Manche davon kannte ich von Büchern, Foren o.ä.; auf andere wurde ich von Mitgliedern des Forschungskreises aufmerksam gemacht. Zu den momentanen Mitgliedern gehören Heiko Bittmann, Michael Reinhardt und Andreas Quast. Weiterhin der Verleger und Autor Wolfgang Ettig, Andreas Niehaus, Till Weber, Wolfram Manzenreiter und Karsten Helmholz von der Universität Hamburg. Schließlich noch David Bender, Martin Stehli, Bastian Voigtmann, Max Seinsch, Ulf Lehmann, Henning Wittwer, Christian Grübel und ich. Das spannende ist, dass neben dem allgemeinen Interesse an den japanischen Kampfkünsten jeder seine Spezialgebiete hat, auf denen er intensiv forscht. Dadurch wird zumindest potentiell ein ungeheuer breiter und tiefer Wissensschatz zugänglich gemacht. Seit kurzem haben wir auch eine eigene Internetpräsenz, welche auch eine Liste der Mitglieder, ihrer Schwerpunkte und Links auf ihre persönlichen Webseiten anführt.

Wie wollen Sie diesen „losen Zusammenschluss“ mit Leben füllen?

Jetzt wo der Forschungskreis mit einer Webseite präsent ist, steigt natürlich der Erwartungsdruck (lach). Nein, im Ernst. Auch hier gilt natürlich an erster Stelle, dass der Forschungskreis so lebendig ist, wie wir ihn gestalten. Es gibt keinen Tonangeber, sondern wer eine Idee hat, kann diese vorstellen; und vielleicht wird sie von einigen oder allen aufgegriffen und bearbeitet. Ich denke auch nicht, dass es notwendig ist, auf schnellen oder regelmäßigen Output aus zu ein. Gut Ding will schließlich Weile haben, und das Ganze ist eher eine (unbekannte) Pflanze, die wächst und gedeiht, als ein Haus, das geplant und gebaut wird. Aber natürlich gibt es die eine oder andere Idee, die mir so vorschwebt, und welche vielleicht in der nahen oder fernen Zukunft für genügend Mitglieder attraktiv genug erscheint, um an ihrer Umsetzung mitzuwirken. Dazu gehört weit vorne noch die Einstellung einer gemeinsamen Publikationsliste unserer Mitglieder. Der nächste Schritt wären dann nach und nach eigene Artikel; hierzu haben auch schon manche der Mitglieder Bereitschaft signalisiert. Davon abgesehen fallen mir im Moment drei Punkte ein, welche ich für vielversprechend und interessant erachte:

  1. Die Einrichtung einer Art „Database“ zu relevanter Sekundärliteratur sowie für japanische Quellentexte, auf die einzelne Mitglieder direkten Zugriff haben. Gerade für letztere fände ich es spannend, über die reinen Titel hinaus vielleicht die Inhaltsverzeichnisse zugänglich zu machen, so dass man gezielt bestimmte Abschnitte angehen oder bestimmte Themen suchen kann. Das Problem bei den japanischen Quellen liegt nämlich nicht daran, dass es zu wenige gibt; ganz im Gegenteil. Viel problematischer ist meiner Ansicht nach, einzelne Titel zu erhalten. Ich vermute aber, dass allein der private Bestand aller unserer Mitglieder schon für viele Jahre Forschung reichen dürfte; deshalb fände ich es sehr hilfreich, in diesem Punkt gegenseitigen Aufschluss zu haben.
  2. Eine Art Liste von zu übersetzenden Texten für die Zukunft; evtl. alle nach einem bestimmten Schema und vielleicht sogar als eine fortlaufende Reihe. Nach wie vor ist nur ein Bruchteil der auf Japanisch zur Verfügung stehenden Quellentexte ins Deutsche oder Englische übersetzt; zugleich berufen sich viele Reportagen, aber auch wissenschaftliche Arbeiten immer wieder auf die gleichen Texte wie das Gorin no sho, das (nur in Teilübersetzungen erhältliche) Hagakure oder das Heihô kadensho. Unabhängig von der Frage, wie weit bestimmte Werte von bestimmten Personen und Personengruppen tatsächlich umgesetzt oder überhaupt als maßgeblich anerkannt wurden, ist die Zugänglichmachung von Originaltexten unverzichtbar, um wenigstens das Ideal besser verstehen zu können.
  3. Etwas unklarer ist die Frage, welche Bedeutung der Forschungskreis längerfristig nach außen hin bekommen kann. Hierzu gehört beispielsweise die Überlegung, wie er sich zu einer Art „Kompetenzzentrum“ entwickeln könnte, das als Ansprechpartner für ernstgemeinte Medienberichte oder Reportagen zur ersten Anlaufstelle wird. Damit verbunden ist auch die Frage, ob und wenn ja in welcher Form es einmal zu Veranstaltungen, Kongressen etc. kommen könnte. Gerade dieser dritte Punkt scheint mir aber noch völlig offen.

Warum denken Sie, dass auf dem Gebiet der japanischen Kampfkünste generell so wenig geforscht wird?

Ich glaube hierfür sind verschiedene Aspekte verantwortlich. Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass insgesamt schon deutlich mehr in dieser Richtung geschieht als vor 20 oder 30 Jahren. Es gibt mittlerweile eine durchaus ansehnliche Zahl von Publikationen zu verschiedenen Aspekten der Kampfkunst; zuzüglich vieler guter Artikel oder Blogs im Internet. Dennoch ist das Thema also solches an Universitäten wohl eher ein Randthema. Japanologie ist insgesamt ein sehr kleine Studienrichtung, und die Interessen sind hier sehr weit gefächert. Daraus folgt schon mal ein deutlich kleinerer Output, als dies bei größeren Studiengängen der Fall ist. Hinzu kommt, dass Kampfkunst natürlich nur wenig Bezug zu eventuellen späteren beruflichen Tätigkeiten hat, was vielleicht auch dazu führt, dass eher andere Themen bevorzugt werden. Gemessen an der Zahl der praktizierenden Karatekas, Judokas, Aikidokas und Kendokas spiegelt sich die Bedeutung des Themas in der Universität, aber auch im öffentlichen Diskurs natürlich in keiner Weise wider. Allerdings betreten wir hier schon das heiß diskutierte Feld, ob und inwiefern Kampfsport und Kampfkunst sich unterscheiden, und inwieweit eine Auseinandersetzung mit den geschichtlichen Hintergründen und geistigen Unterbau für eine Ausübung von Karate, Judo etc. überhaupt gewünscht und notwendig ist.

Sie haben bereits verschiedene Publikationen zu Kampf- und Kriegskünsten veröffentlicht. Welchen Themen werden Sie sich in Zukunft widmen?

Die Texte der Edo-Zeit werden mich auch weiterhin sicherlich begleiten. Ein wirklich schöner Aspekt daran ist, dass man hierbei noch wirklich „forschen“, d. h. Neuland betreten kann. Es gibt noch solche Unmengen an Material, dass ich keine Sorge haben muss, einmal nicht mehr zu wissen, mit welchem Text ich mich noch beschäftigen könnte. Dabei konzentriere ich mich aber nicht ausschließlich auf Texte der Kampfkunst, sondern bin auch sehr an den neokonfuzianischen Texten dieser Epoche interessiert. Davon abgesehen hat sich mein Interesse an verschiedenen Aspekten des Buddhismus in den letzten Jahren noch einmal verstärkt. Anstelle eigener Publikationen habe ich dabei begonnen, Texte aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen. Ein erster Text, der auch veröffentlicht wird, ist dabei die Rückübersetzung des „Guide through the Abhidhamma-Pitaka“ des deutschen Nyanatiloka (1878-1957). Relativ fortgeschritten ist die Übersetzung von Junjiro Takakusus (1866-1945) „Essentials of Buddhist Philosophy“. Ich vermute, dass diese Art von Übersetzungen, neben der Beschäftigung mit den Texten zur Kampfkunst und des Neokonfuzianismus, mir noch auf lange Zeit Freude bereiten werden.

Das Foto wurde freundlicherweise von Julian Braun zur Verfügung gestellt.

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