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Historische Texte sind für die Beschäftigung mit den japanischen Kampf- und Kriegskünsten eine unverzichtbare Quelle. Ein Großteil der historischen Überlieferungen zur Lehre, Strategie und Tradition liegt allerdings ausschließlich in japanischer Sprache vor und ist daher nur für einen eingeschränkten Leserkreis verfügbar. Dieser fehlende Zugang zu wichtigen japanischen Quellen ist ein wesentlicher Grund, dass der hoplologische Diskurs in den vergangenen Jahrzehnten wenig neue Erkenntnisse hervorgebracht hat.

Um diese Lücke zu füllen, stellt Julian Braun in seiner Monografie Samurai und Kriegskunst: Kompendium aus klassischen Texten der Tokugawa-Zeit“ (2012) neben einer vollständigen Übersetzung der „Grundsatzabhandlung zur kämpferischen Erziehung“ (Bukyô honron) von Yamaga Soko (S. 9-33) sieben weitere Translate – in der westlichen Literatur weitgehend unbekannter – historischer Texte der japanischen Kampf- und Kriegskünste vor.

Seine Auswahl umfasst unter anderem die „Abhandlung über die Krieger“ (Bushikun) von Izawa Nagahide (S. 35-42), die „Aufzeichungen aus dem Geheimen“ (Tôkashû) von Ichiemon Masakiyo (S. 43-53) sowie die „Abhandlung über die Schwertkunst“ (Kenjutsuron) von Ôtsuka Ryôe (S. 55-62). Alle Texte stammen – wie der Buchtitel bereits verrät – aus der japanischen Tokugawa-Epoche (1603-1868), einer Zeit, „die weitgehend frei von kriegerischen Auseinandersetzungen war und … in der es zu einer Zusammenführung und theoretischen Fundierung von philosophischen, ethischen, politischen und militärischen Konzepten [kam]“. Den Übersetzungen lagen allerdings nicht die originalen historischen Dokumente zu Grunde, sondern – was eine durchaus gängige Praxis ist – die inhaltlich gleichwertigen Nachdrucke von 1942 sowie 1982.

Im Weiteren gibt der Autor eine kurze Einführung in zwei wichtige japanische Standardwerke des Themenkomplexes: dem zehnbändigen „Abriß japanischer Kampfkünste“ (Nihon bûdo taikei) von 1982 (S. 117-128) sowie dem zweibändigen „Geschichte japanischer Militärwissenschaften“ (Nihon heihô shi) von 1972 (S. 129-132).

Der Autor, der in München Japanologie, Philosophie und Völkerkunde studierte und an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen mit dem Thema “Der ‘gemeinsame Weg von Schwert und Pinsel’ – Philosophie und Ethik japanischer Kriegskunst der Tokugawa-Zeit (1603-1868)“ promovierte, reiht sich mit dieser Arbeit in die Riege der einflußreichen Übersetzer von klassischen japanischen Texten wie William Scott Wilson und Thomas Cleary ein, sowie den deutschen Japanologen Heiko Bittmann und Andreas Niehaus, die in deutscher Sprache mit ihrem Buch „Schwert und Samurai Traktate zur japanischen Schwertkunst“ (2006), einer Sammlung von historischen Texten aus dem 17. und 18. Jahrhundert zur japanischen Schwertkunst, Pionierarbeit in der Übersetzung klassischer Texte im besprochenen Themenbereich geleistet haben.

Braun präsentiert mit dieser Sammlung erstmals die Übertragung verschiedener klassischer Texte zu den japanischen Kampfkünsten in die deutsche Sprache. Die kompakte Bereitstellung originaljapanischer Quellen zu Samurai, Kampf- und Kriegskunst in der deutschen Übersetzung stellt an sich schon einen großen Wert dar. Die große Auswahl der Texte wird in ihrer Wertigkeit noch einmal gesteigert, da – wie Braun zurecht bemerkt –, ein Großteil der wissenschaftlich-japanologischen Literatur sich bei der Auseinandersetzung mit der japanischen Kampf- und Kriegskunst auf die Werke wie Tsunetomo YamamotosHagakure“ und Miyamoto MusashisGorin no sho“ beschränkt. Der Autor belässt es allerdings nicht bei der bloßen Übersetzung. In zahlreichen Fußnoten gibt er hilfreiche Kommentare und Hinweise zur Einordnung der historischen Inhalte.

In Ergänzung zu diesem umfangreichen Hauptteil legt Braun im Anhang erstmals in deutscher Sprache – im westlichen Diskurs vielleicht sogar überhaupt – eine Übersicht deutsch- und englischsprachiger Übersetzungen und Teilübersetzungen von japanischen Quellen zu Samurai und Kampfkunst vor (S. 104-115). Dieser „Beitrag zum Stand der gegenwärtigen Quellenlage“ ist allerdings mehr als eine bloße Auflistung von Titeln, sondern hat eher den Charakter einer eigenständigen, annotierten Bibliografie.

Abschließend gibt der Autor einen Ausblick darauf, wie eine weitere (wissenschaftliche) Auseinandersetzung mit den Themen Samurai und Kriegskunst erfolgen könnte (S. 133-134). Die genannten Punkte sind eine wesentliche Agenda für die weitere hoplologische Beschäftigung mit den japanischen Kampf- und Kriegskünsten. Sie haben scheinbar als Grundlage des von Braun initiierten Forschungskreis zur Theorie, Praxis und Philosophie japanischer Kriegs- und Kampfkünste (bunbu-kenkyûkai) gedient.

Für die Beschäftigung mit dem Themenbereich Kampf- und Kriegskunst als „literarische Gattung“ sowie zur besseren Unterteilung der Quellentexte schlägt Braun zu Beginn des Buches eine Zuordnung in folgende vier Gruppen vor: 1) Schriftstücke einzelner Persönlichkeiten oder Kampfkunsttraditionen, 2) militäwissenschaftlich/militärstrategisch orientierte Texte, 3) Texte, die sich mit der kämpferischen, geistigen und charakterlichen Entwicklung eines Samurai beschäftigen, 4) Sonstiges Textmaterial, wie z. B. Lehrbefugnisse, Gedichte und Lieder. Diese Aufteilung bietet sich hervorragend für den weiteren wissenschaftlichen Diskurs mit derartigen Quellendokumenten an und sollte als Maßgabe für die zukünftige Beschäftigung mit kampf- und kriegskunstbezogenen Textgattungen dienen.

Bisher ist nur ein überschaubarer Teil der auf Japanisch zur Verfügung stehenden Quellentexte zur Kampf- und Kriegskunst in die deutsche oder englische Sprache übertragen worden. Dabei ist die enorme Menge an Texten aus dieser Zeit ein fruchtbares Forschungsgebiet. So bleibt zu hoffen, dass der Autor sich auch in Zukunft weiterhin diesem Themenbereich annehmen wird. Braun zeigt mit der vorliegenden Publikation einen vielversprechenden Weg auf.

Als Resumee bleibt festzuhalten: Brauns „Kompendium“ ist absolut lesenswert und uneingeschränkt zu empfehlen. Es bietet nicht nur die deutsche Übersetzung von bisher im Westen weitgehend unbekannten und zudem schwer verfügbaren Quellen, sondern ist darüber hinaus ein wertvolles Hilfsmittel für die wissenschaftlich-japanologische, hoplologische sowie praktische Auseinandersetzung mit den japanischen Kampf- und Kriegskünsten sowie dem Leben und Wirken der Samurai. Störend alleine sind unnötige typografische Fehler, die sich in den Text geschlichen haben, aber sicherlich bei der nächsten Auflage der Korrektur zum Opfer fallen werden.

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