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Antony Cummins und Yoshie Minami haben die klassische Ninja-Schrift aus dem Japanischen ins Englische übersetzt. Dr. Julian Braun hat sich das Buch angeschaut. Eine Gast-Rezension!

Antony Cummins & Yoshie Minami, The Book of Ninja – The First Complete Translation of the Bansenshukai. Japan´s Premier Ninja Manual. Watkins Publishing, London 2013

Seit kurzem ist es nun endlich vollständig in englischer Übersetzung erhältlich, das geheimnisumwitterte Werk der ebenso geheimnisumwitterten Agenten der japanischen Feudalzeit, d. i. der Ninja: das Bansenshûkai (1676). Dieser Aufgabe haben sich Antony Cummins und Yoshie Minami angenommen, die sich als Mitglieder des Historical Ninjutsu Research Teams dazu verschrieben haben, klassische japanische Texte zum Ninjutsu der englischsprachigen Leserschaft zur Verfügung zu stellen. Bislang waren lediglich eine deutsche Übersetzung zweier Kapitel verfügbar (Braun, Philosophie, Ethik und die Kunst des Kämpfens – Bd. 2, 2008), sowie diverse – oftmals nicht weiter spezifizierte – Passagen in englischer Übersetzung. Nicht unerwähnt lassen möchte ich an dieser Stelle, dass bereits in dem frühen Buch des amerikanischen Ninjutsu-Pioniers Stephen K. Hayes, The Ancient Art of Ninja Warfare (1988) zehn Taktiken der Infiltration besprochen werden, welche dem Band Yônin des Bansenshûkai entstammen; jedoch ohne dass von Hayes darauf hingewiesen wird, ob er diese selbst übersetzt hat oder mündlich darin eingeführt wurde. Das Bansenshûkai selbst erwähnt er u. a. in seinem Buch Warrior Ways of Enlightenment (1981, dt. Die Wege zum Shoshin). An anderen Quellentexten zum Ninjutsu ist in deutscher Sprache v. a. die Übersetzung des Shôninki von Claude Schedler (Shôninki – Historische Geheimschrift der Ninja, 2004) zu nennen. Das Shôninki ist in englischer Übersetzung ebenfalls von Antony Cummins herausgegeben worden (True Path of the Ninja, 2011), ebenso wie drei weitere Texte (True Ninja Traditions, 2010).

Im Folgenden werde ich eine kurze Übersicht über das neueste Werk des Gespanns Cummins/Minami geben. Zunächst zu den Äußerlichkeiten: Das Buch umfasst als solides Hardcover etwas über 500 Seiten, der deutsche Amazon-Preis beträgt derzeit 35,00 Euro. Nun zum Inhalt: Der eigentlichen Übersetzung vorangestellt ist ein Vorwort von Dr. Nakashima Atsumi, ein Vorwort von Antony Cummins, eine Einleitung sowie eine kurze Einführung in japanische Schlösser und die Kunst des Schlösser-Knackens von Steven Nojiri. Es folgt die Übersetzung des Bansenshûkai in 22 Bänden bzw. „Rollen“ (kan bzw. maki); gestützt durch erklärende Fußnoten. Daran an schließt sich noch eine Übersetzung des Traktats Bansenshûkai Gunyo-hiki („Secrets on Essential Military Principles“) von Sasayama Kagenao. Den Abschluss des Buches bildet ein Index.

Als japanische Referenzquelle für den Leser des Buches von Cummins & Minami kann die Version des Bansenshûkai in Band 5 des in großen Bibliotheken erhältlichen Nihon budô taikei von 1982 herangezogen werden. Dieses stimmt in der Unterteilung und dem Inhalt weitgehend mit der englischen Übersetzung überein; allerdings sind die Kapitel „Die Ninja-Ausrüstung“ (18 bis 22) nur der Überschrift nach angeführt. Der Anhang, das Bansenshûkai Gunyo-hiki, ist dort nicht enthalten.

Die erste Rolle des Bansenshûkai besteht aus vier Sektionen; einem Vorwort, einer kurzen Einführung, einem Inhaltsverzeichnis und den „Fragen und Antworten“ (Mondô). Hier finden sich zahlreiche interessante historische Informationen und Erläuterungen, beispielsweise zu herausragenden Ninja oder der Geschichte der Spionagekunst in China und Japan. Schon hier wird deutlich, dass die Bezeichnung „Ninja und Ninjutsu“ viel eher als ein Sammelbegriff für eine bestimmte Menge militärischer Taktiken, Strategien und Ansichten zu verstehen ist, denn als eine historisch exakt bestimmbare Zeitspanne oder eine fest bestimmbare Personengruppe.

Rolle 2 und 3 tragen den Titel Seishin, das „rechte Herz“; eine Begrifflichkeit aus dem kurzen aber umso einflussreicheren Klassiker „Das große Lernen“ (Daxue). Hier wird v. a. die anzustrebende Charakterstruktur der Ninja ins Auge gefasst. Dabei zeigt sich deutlich, dass der ethisch-philosophische Hintergrund und Anspruch nicht von dem anderer, den Samurai und der bunbu-ryôdô-Tradition zugeordneten Texten abweicht. Eine strenge Abgrenzung „rechtschaffener Samurai“ vom „verschlagenen Ninja“, wie sie im Klischee der 1980er Jahre entwickelt wurde und auch heute noch oftmals in seichten Dokumentationen transportiert wird, ist somit völlig haltlos.

Die Rollen 4 bis 7 sind mit Shôchi betitelt, dem „Wissen des Befehlshabers“. In diesen Teilen finden sich diverse Informationen zu unterschiedlichen Aspekten; u. a. über Geheimschrift, Codewörter und Signale, oder aber hinsichtlich des Einsatzes von Agenten bzw. Maßnahmen zur Abwehr ebensolcher.

Die Rollen 8 bis10 tragen die Bezeichnung Yô-nin, d. i. „offene Infiltration“. Diese Kapitel behandeln allerlei Verfahren der Informationsbeschaffung, der Einsetzung von Agenten, der Beurteilung topographischer Gegebenheiten, dem Auskundschaften etc.

Die Rollen 11 bis15 laufen unter dem Namen In-nin, was so viel wie „verborgene Infiltration“ bedeutet. Hier kommen Themen zur Sprache wie das Eindringen in Befestigungen und Gebäude, Brandstiftung, Verstecken, Flüchten, Abschätzung geeigneter Zeitpunkte zum Eindringen, Türen und Schlösser, das Nehmen von Geiseln und vieles mehr.

Die Rollen 16 und 17 heißen Tenji, d. i. „besondere Zeitpunkte“ oder auch „Himmelskunde“. Dabei geht es u. a. um die (zum Teil) divinatorische – also voraussagende – Ermittlung passender Tage für militärische Aktionen; eine Praktik, welche bis in älteste Zeit zurückreicht (mehr Informationen dazu finden sich im Nihon heihô shi, der „Geschichte der Militärwissenschaften in Japan“). Des Weiteren wird auf Sternbilder, Wetterphänomene und dergleichen eingegangen.

Die abschließenden Rollen 18 bis22 tragen die Bezeichnung Ninki, d. i. „Ninja- bzw. Ninjutsu-Ausrüstung“. Hier werden allerlei Kletterhilfen wie Leitern und Haken, Schwimmhilfen, Brecheisen, Dietriche, Zangen etc. sowie Rezepturen für Fackeln, Schießpulver und andere pyrotechnische Effekte und Hilfsmittel behandelt.

Der Gunyô-hiki betitelte Zusatz behandelt dann schließlich noch einmal konkrete militärstrategische und taktische Aspekte wie Truppenformationen, Gefechtsprinzipien, Kommandosignale mittels Trommeln und Flaggen und dergleichen mehr. Hier findet sich eine Nähe zu anderen, dem „klassischen“ Samurai-Kontext entstammenden Schriften wie dem umfangreichen Kunetsushû oder auch Schriften von Yamaga Sokô.

Alles in allem stellt das Werk eine immense Fundgrube spezieller und allgemeiner Informationen zu nahezu allen Aspekten der Kriegführung im Japan der Zeit etwa zwischen dem 15. und dem 18./19. Jahrhundert dar. Dabei wird wie oben schon erwähnt deutlich, dass eigentlich kein grundsätzlicher Unterschied zu den Ansichten anderer zeitgenössiger Militärstrategen und Kampfkunstexperten besteht; die Besonderheit des Bansenshûkai ist v. a. darin zu sehen, dass es in einem Werk militärstrategische, praktische (Werkzeuge u. Ä.) und historisch-philosophische Anteile gemeinsam enthält, während sich die vielen kürzeren Traktate besonders der Edo-Zeit oftmals auf einen dieser Aspekte konzentrieren. Eine wichtige Ausnahme bildet jedoch das völlige Fehlen konkreter Hinweise auf den bewaffneten und unbewaffneten Zweikampf. Dies könnte als weiteres Indiz dafür gedeutet werden, dass Ninjutsu viel mehr als ein „Add-on“ zur gängigen Samurai-Ausbildung in privaten Dojô, Trainingsstätten etablierter Schulen (ryû) oder den Daimyatsschulen erfolgte, eine eigene Zweikampftradition (und dazugehöriger Personen!) also gar nicht existiert hat (dies ist eine, wenn nicht die zentrale, jedoch keineswegs allgemein akzeptierte These der Cummins-Forschungsgruppe).

Das Werk ist meiner Ansicht nach ein unverzichtbarer Bestandteil im Rahmen einer soliden Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition der Kampfkünste im Japan der Edo-Zeit.

Zum Abschluss dieser Rezension möchte ich noch kurz auf eine Problematik hinweisen, welche sich hier ebenso wie bei anderen Quellentexten des bunbu-ryôdô ergibt: So wie aus dem Bild des idealen Samurai, wie er in den bunbu-ryôdô-Texte gezeichnet wird, sich noch keine Aussage über die Realität ableiten lässt (d. h. wie viel Einfluss diese Texte tatsächlich zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten hatten, oder in wie weit sie die Realität widerspiegeln), ebenso auch sollte beim Lesen des Bansenshûkai nicht vergessen werden, dass es sich dabei „nur“ um ein skripturales Ninjutsu handelt – die Frage wann, wie und für wen dieses Bild in welchem Ausmaß gültig war, ist damit nach wie vor offen.

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