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Sascha Wagener studierte Japanologie mit dem Schwerpunkt Japanische Geschichte, Chinesisch sowie Religionswissenschaft. Seit mehr als 20 Jahren trainiert er Karate, aber auch Qigong, Tai Chi und Ryukyu Kobudo – nicht nur in Deutschland sondern auch an ihrem Ursprung in Japan, China und Okinawa. Als Inhaber des Kampfkunstcenters Mein Tempel in Dortmund gibt er sein Wissen an seine Schüler weiter. Als Mitgründer der Martial Arts Research und Training Community Missing Link Karate beschäftigt er sich mit den Hintergründen dieser Disziplin. Neben seiner Leidenschaft für die Kampfkünste ist Sascha Globetrotter und Abenteurer. Diese Eigenschaften führten ihn schließlich auf eine Reise um die Welt: “No journey’s end”. Die dazugehörige Facebook-Seite hat bisher über 5.300 Follower. Tendenz steigend.

Sascha, welche Verbindung hast Du zu den Kampfkünsten?

Die Kampfkünste wurden in meinem Leben zu einer der wichtigsten Ausdrucksformen für mich selber. Ein Bereich, in dem es für mich keine Rückschritte, kein Aufhören oder Bereuen gibt. Nur stetiges Weiterentwickeln, Lernen und Transformieren. Das Training und die intensive Beschäftigung mit den Hintergründen haben mich zu Meditation, Qi Gong und insgesamt zu Nei Gong (der inneren geistigen Arbeit und Weiterentwicklung) geführt, als auch zum Studium der Geschichte und zu vielen Reisen rund um die Welt. Die Kampfkunst ist somit etwas wie der Ursprung und die Mutter aller Dinge, die ich nun tue.

Ich tendiere dazu, alle diese Dinge zu vereinen, denn mein Verständnis des asiatischen Begriffes „Kunst“ ist die Vereinigung und Integration in das alltägliche Leben.

Neben dieser alltäglichen Ebene wurden die Kampfkünste für mich zu einem Spiegel gesellschaftlicher, historischer und persönlicher Entwicklungen. So zum Beispiel kann man durch die kritische Beschäftigung mit der Entwicklung verschiedenster Kampfkünste und Traditionen die meisten wichtigen Mechanismen der Geschichtsentwicklung einsehen. Kommerzialisierung, Kolonialismus, Verengung von Traditionen oder historisch inkorrekte Neudeutung von Geschichte. Die Kampfkünste und Kampfformen verschiedener Kulturen dienen als Linse, mit dessen Hilfe ich in viele Bereiche herein schnuppern konnte, die ich sonst vielleicht nicht so durchdrungen hätte.

Was war der Auslöser dafür, Deutschland immer wieder in Richtung Ostasien zu verlassen?

Der ursprüngliche Auslöser ist wohl eine Kombination aus Fernweh und der Sehnsucht nach fremden Ländern, sowie mein Verlangen, tiefere Inhalte in der Kampfkunst zu finden. Als ich als Kind mit dem Karate anfing, hatte ich wohl dieselben Bilder im Kopf wie viele Andere auch. Ich hatte all die Filme gesehen, in denen ein alter Meister seinen Schüler in einem Tempel unterrichtet. Dort ging es immer auch um Meditation und eine Philosophie hinter dem reinen Kämpfen. Auch wenn das in den meisten Filmen natürlich äußerst oberflächlich behandelt wird.
Auch wenn ich immer glaubte, dass viele Menschen eigentlich dieses Bild suchen, habe ich schnell herausgefunden, dass sich fast alle mit einem weit einfacheren, zusammengeschrumpften Modell zufrieden geben. Die Idee von einer dahinterliegenden Tiefe wird von den meisten durch sportlichen Ehrgeiz, ein freundliches soziales Gefüge oder auch nur durch ein motivierendes Gürtelsystem ersetzt. Auch wenn diese Dinge ihren Wert haben, hat in mir die Suche nie aufgehört. Während ich mit meinen Mitschülern und Freunden ganz normal in unserem Dôjô aufwuchs, ging ich nachts in den Park und trainierte auf Holzstämmen, meditierte, übte mit Waffen und versuchte meine Angst in der Dunkelheit zu überwinden (was zum Glück gelang 🙂 ). Als ich dann soweit war alleine reisen zu können, packte ich sofort meinen Rucksack und flog Richtung Japan und Okinawa.

Seit damals ist viel geschehen und mein Blick auf die Kampfkünste hat sich immer mehr erweitert und angepasst. Diese Suche nach dem Tieferen (technisch, geistig oder geschichtlich) begleitet mich seitdem und zog mich auch aus dem Kontext einer einzigen Kampfkunst heraus; weshalb ich von Japan in vielen einzelnen Reisen weiter nach China und Indien zog.

Das hat dann auch schließlich zu “No journey’s end” geführt. Was ist die Idee, die dahinter steht?

Ich habe etliche Einzelreisen nach Asien unternommen und wir haben später auch Reisen organisiert, die zu den Orten führten, die ich zuvor entdeckt hatte. Doch ich hatte immer das Verlangen noch einmal ganz auf die Suche zu gehen: eine längere Reise zu unternehmen. Somit entschied ich eines Tages, dass ich meine Schule und unsere Missing Link Karate Organisation für zwei Jahre als eine Art Kundschafter verlassen werde. Das Projekt soll Wissen und Ideen sammeln und mit zurück bringen, sowie Menschen vernetzen die Außergewöhnliches tun. Doch es ist natürlich auch eine sehr persönliche Erfahrung, die mich sicher verändert zurück kehren lassen wird.

Um diesem persönlichen Charakter gerecht zu werden, und die Integration aller positiver Ideen im Blick zu behalten, untersuchen wir nicht nur das Thema Kampfkunst, sondern auch spirituelle Traditionen, Umweltschutzprojekte oder neue Ideen zu nachhaltiger Stadtentwicklung, wie diesen Rooftop Garden auf einem öffentlichen Verwaltungsgebäude in Bangkok.

Für mich sind all diese Themen sehr eng verbunden. Sie repräsentieren die ewige Suche von uns Menschen nach einem nachhaltigen, tieferen und glücklicheren Leben. Zur Zeit ist unsere Welt sehr polarisiert und ein großer Teil unseres Handelns auf diesem Planeten führt genau zum Gegenteil dessen, was meiner Meinung nach jeder Mensch eigentlich sucht. Doch auf der anderen Seite gibt es so viele mutmachende und inspirierende neue Ideen, und in jedem Winkel der Welt gibt es alte Traditionen, die gewisse Weisheiten besser erkannten als wir und uns als Hilfe dienen können. Hoffen wir nur, dass sich rechtzeitig genug Menschen eines besseren belehren.

Welche Länder habt Ihr bisher bereist und was habt Ihr dort gefunden?

Die Liste der Länder ist bis jetzt kleiner als ursprünglich geplant. Denkt man an eine Weltreise so möchte man zunächst etliche Länder auf allen Kontinenten bereisen. Doch im Endeffekt stellt es sich als spannender heraus, an einigen Orten länger zu bleiben. Es braucht auch Zeit die richtigen Kontakte zu machen und die Orte zu finden die man sucht. Ich bereue das nicht, denn so sind viele Freundschaften entstanden und ich habe viele Dinge für das Projekt gefunden. So waren wir bis jetzt in England, der Start der Reise und ein Besuch bei unseren englischen Partnern und Freuden unserer Missing Link Community. Danach ging es nach Thailand, dann nach Neuseeland, Australien, Vietnam. Alle diese Länder boten ganz unterschiedliche Erfahrungen und ein anderes Lebens- und Reisegefühl. Ich habe überall Kampfkünstler besucht und mit ihnen trainiert, wie Boxer in Neuseeland, Wing Chun Trainierende in Australien, Kungfu Lehrer in Vietnam. Am interessantesten waren aber sicherlich die in diesen Ländern spezifischen Künste, wie die Kampfformen der Maori oder die verlorene Kampfkunsttradition der australischen Ureinwohner. Ein weiteres spannendes Kapitel waren meine Trainingsabenteuer in Vietnam. Nachdem ich mehr über einheimische Kampfkünste erfahren wollte, ging ich eines abends in einen benachbarten Tempel. Ich hatte großes Glück, dass er sich als wahrer Geheimtreff der traditionellen Kampfkünstler herausstellte. Nachdem man mich dort schließlich kannte, wurde ich über Wochen immer an weitere Meister weitervermittelt. Ich traf mich stets morgens mit einem Lehrer in diesem Tempel und er brachte eine ganze Entourage von Leuten mit. Darunter immer ein älterer und bekannter Meister der Hanoier Kampfkunstgemeinde. So hatte ich das Glück, einen Taiji Meister, einen Shaolin Meister, einen Southern Shaolin Meister und weitere kennenzulernen. Diese langen Treffen führten immer dazu, dass mir viele Formen und Anwendungen gezeigt wurden. Ich wurde freundlich aufgefordert selbiges aus meinem Repertoire zu zeigen, und schliesslich wurden mir noch höflich Tipps und Ideen mitgegeben. Immer sehr spannend und unvorhersehbar. Aus demselben Grund landete ich auch eines Abends auf der Party einer ganzen Gruppe von Darstellern eines vietnamesischen Kungfu Films. So eine Party bestand aus viel gezwungenem Alkoholkonsum und Straßenessen, woraufhin wir danach alle abwechselnd Formen und „Tricks“ vorführten. In den folgenden Tagen einigten wir uns, dass wir gemeinsam einen kleinen Film drehen werden. Ich bekam in den darauffolgenden Wochen echtes Filmtraining in den Choreographien und schliesslich drehten wir in einem lokalen Park. Leider hatten sie keinen Zugriff auf die Kameratechnik des Studios, weshalb wir mit einer älteren Videokamera drehten, die die zweite Hälfte der Aufnahmen am Ende zerstört hat. Für eine spätere Wiederholung blieb dann keine Zeit mehr. Dennoch war es eine großartige Erfahrung und es sind auch ein paar Aufnahmen dabei entstanden.

Auf der Reise hast Du auch Bekanntschaft mit relativen unbekannten Kampfkulturen gemacht. Was hat Dich davon am meisten beeindruckt?

Die Maori in Neuseeland haben mich sehr beeindruckt. Ich war schon einmal zuvor dort und hatte mich mit ihrer Kultur beschäftigt, weshalb ich wusste dass ich bei dieser Forschungsreise ihre Kampftradition kennenlernen wollte. Über einige Umwege, wie den Kontakt zu einem neuseeländischen Fernsehsender, der zuvor darüber berichtet hatte, konnte ich einen Mann ausmachen, der in einer anhaltenden Familientradition die Kampfkünste an Mitglieder seines Stammes weitergibt. Was mich überrascht hat, ist wie lebendig die Tradition ist und dass die Maori es geschafft haben ihre Kampftechniken über die koloniale Ära hinweg zu bewahren. Natürlich ist auch dort sehr viel verloren gegangen, aber die Traditionslinien sind nie ganz abgebrochen, und nun erleben die alten Künste, wie an vielen Orten auf der Welt, eine Renaissance. Die Kampfkunst vermittelt der Jugend eine Identität und eine Zusammengehörigkeit mit der Familie und dem Klan und ihrer Geschichte. In vielen indigenen Gemeinschaften über den Globus verteilt ist das dringend nötig, denn die koloniale Unterdrückung hat diese Identität unterminiert und geraubt.

Was mich auch sehr an ihrer Kampfkunst beeindruckt hat ist, dass sie dieselbe starke Struktur hat wie z. B. alle chinesisch beeinflussten Kampfkünste in Asien. Die meisten Menschen haben die Vorstellung dass nichtasiatische Kampfkünste, und vor allem Stammeskriegskünste, simpler und gröber wären als die hochentwickelten Künste aus China, Japan oder Indien. Doch auch die Maori vermitteln ihre Taiaha Kampftechniken mithilfe von Formen. Und auch die Nachahmung und charakterliche Studie von Tieren ist essentieller Bestandteil der Maori Taiaha Kunst. Im Unterschied zu chinesischen Tierstilen benutzen sie aber Tiere ihres Lebensumfelds, wie den Hammerhai oder den flinken Fantail (einen kleinen Singvogel).

Leider ganz anders sieht es ein paar hundert Kilometer westlich von Neuseeland aus. In Australien kann man die konsequente Ausrottung eines gigantischen Kulturschatzes durch Kolonialisierung beobachten. Im Falle der Kampftraditionen war diese Auslöschung so erfolgreich, dass sogar niemand erwartet es hätte so eine jemals gegeben. Doch Kampftraditionen gab es in jeder Kultur, und immer waren diese wichtiger Bestandteil der eigenen Identitätsbildung. Kein Wunder also, dass an vielen Orten die kolonialen Mächte oder Eroberer viel dafür taten, diese loszuwerden. Selbst im 21. Jahrhundert, musste ich feststellen, werden wir noch immer von dieser fehlgeleiteten Geschichtsschreibung beeinflusst, die viele indigene Kulturen weltweit als unterentwickelt und marginal dargestellt hat.

In Sydney hatte ich das Glück, einen Mann ausfindig zu machen, der große Zeit seines Lebens damit verbracht hat die alten Kampfformen der Aborigines zu erforschen und nachzuvollziehen. Er gründete die Coreeda Association in Australien, die einen von Kängurus inspirierten Stil des Ringens wieder zu beleben trachtet. Leider sind viele Gräben noch ausgehoben in Australien und eine breite Popularität trifft auf große Widerstände oder Desinteresse.

Was bedeuten diese Erfahrungen für Deinen eigenen Stil?

Mein eigener Stil wurde in den letzten Jahren durch meine vielen Reisen und Seminare immer weiter durch alle Einflüsse erweitert und abgewandelt. Ab einem gewissen Zeitpunkt, und der kam sicher schleichend über viele Jahre hinweg, habe ich nicht mehr eingesehen mich an Stil-Begrenzungen und Vorschriften zu halten. Wenn ich sehe wie diese historisch entstanden sind oder die Vielfalt auf der Welt betrachte, fällt es mir schwer mich an viele dieser Einschränkungen mit gutem Gewissen zu halten. Für mich haben stilistische Einschränkungen nichtsdestotrotz den Sinn ein sicheres System und einen Leitfaden für Anfänger bereitzustellen. Daher benutzen wir auch noch immer die Katas und Techniken des Shotokan Karate als Basis für die individuelle Ausbildung, die Schüler in unserer Missing Link Community erhalten. Doch schon im selben Moment, in dem man eine Struktur einführt, sollte man auch schon anfangen diese wieder einzureißen und zu erweitern. Daher führt die Ausbildung nach, und auch schon während, dieser einführenden Struktur bei uns zunehmend und intensiv in die chinesischen Ursprünge des Karate und in eine Individualisierung des eigenen Weges. Am Ende muss es kein Karate mehr sein, es ist einfach nur Kampfkunst. Das ultimative Ziel in der Kampfkunst in meinen Augen ist nicht eine perfekte Kopie des Meisters oder des Ideals des Stils zu werden, sondern sich zu dem eigenen innewohnenden Idealbild zu entwickeln. Das hat aber zumeist wenig mit dem zu tun, was Trainierende heute in ihrem Stil gelehrt bekommen.

All die Erfahrungen dieser langen Reise werden wohl genauso in meinen eigenen Stil und die Art meines Unterrichtens einfließen. Was mir besonders diese Reise sehr klar darlegt ist, dass Kampfkünste überall auf der Welt ein wichtiges Kulturgut sind. Sie sind Teil unseres gemeinsamen Erbes auf diesem Planeten. Alle sind irgendwie voneinander beeinflusst, wie auch alle Kulturen sich in einem, bis jetzt nicht ansatzweise verstandenen, Flickenmuster gegenseitig beeinflusst haben. Dieser Gedanke wird meinen persönlichen Stil wohl globaler machen und über die Grenzen asiatischer Kampfkünste hinaus bewegen.

Wie wird es jetzt weiter gehen?

Was die Kampfkunstforschung angeht, so gibt es natürlich noch unendlich viel zu entdecken. Viel zu viel für eine Reise, auch wenn diese zwei Jahre dauert. Zunächst einmal bin ich nochmal nach Australien zurückgekehrt, weil es hier noch viel zu entdecken gibt. Danach soll es nach Südamerika und dann Nordamerika gehen. Auch dort gibt es faszinierende Wiederbelebungen der einheimischen Kampfkünste, die ich mir sehr gerne ansehen würde.

Nach meiner Rückkehr nach Europa werde ich all meine Erfahrungen der Reise in unser System einfließen lassen und wohl auch geeignete Teile davon unterrichten. Ich war immer daran interessiert, den Rahmen zu schaffen, den ich schon als Kind gesucht habe. Einen Ort an dem Kampfkunst auf traditionelle aber auch innovative und effektive Weise unterrichtet wird, und an dem eine geistige, spirituelle Entwicklung aktiv gefördert wird. Diese Idee werde ich weiterhin verfolgen.

Das Foto wurde freundlicherweise von Sascha Wagener zur Verfügung gestellt.

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