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Ralf Pfeifer ist Kampfsportler und war viele Jahre als Trainer und Organisator von Lehrgängen im Hochschulsport tätig. 2001 promovierte er mit seiner Arbeit »Mechanik und Struktur der Kampfsportarten« an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Durch seinen ingenieurwissenschaftlichen Blick auf Themen aus dem Bereich Kampfsport ist er bereits verschiedenen Mythen auf den Grund gegangen. Für HOPLOblog hinterfragt er den Nutzen von Turnübungen für das Kampfsporttraining.

Kürzlich besuchte ich einen großen Tag des Sports, bei dem sich Vereine aus der Region vorstellten. Wie so oft bei solchen Veranstaltungen, sah ich vieles, was gut gemeint und manches was mit viel Einsatz und Herzblut gemacht war.

Zwischen den üblichen Sportarten stellte sich ein Verein vor, der seinen SV-Stil zeigte, und das musste ich natürlich sehen. Ich will nicht über die Show-Qualitäten lamentieren oder über Trainingspartner, die sich wie in schlechten Filmen anstellen, um sich vom Chef-Instruktor schlagen zu lassen. An Demos, an denen ich früher mitgewirkt habe, war das auch nicht viel besser.

Doch was ich als Einführung dieser Show sah, ließ mich in eine mittlere hoplologische Depression verfallen. Der Grund war objektiv nur eine Petitesse, zu der die Erklärung „Wir machen so 12 bis 15 Minuten Aufwärmtraining!“ die Ouvertüre gab. Spontan inszenierte das Demo-Team zu diesem Satz die bekannte Hampelmann-Übung.

Warum traf mich das so hart?

Seit Jahren rechne ich den Kampfsportlern und Trainern vor, dass die Teilnehmer nur ein begrenztes Zeit-Budget für ein Training haben. Wenn es gut läuft, kommen die Teilnehmer über mehrere Jahre zu drei Trainingseinheiten je Woche à 90 Minuten.

Wenn davon jedoch die ersten 12-15 Minuten für Turnübungen ohne Kampfwert verloren gehen, fehlt die Zeit beim Training der Ziele, die ich eigentlich erreichen möchte! Insbesondere wenn es ein konkretes Versprechen an die Teilnehmer gibt, wie „an Wettkämpfen teilnehmen“ oder „Selbstverteidigung erlernen“, bedeutet sinnfreies Warmturnen einen echten Verlust, durch den 1/6 der Trainingszeit entwertet wird.

Wir wissen aus der Sportwissenschaft, dass es ein „Trainieren der Trainierbarkeit“ gibt. Das bedeutet, dass man die Fähigkeit, immer neue Bewegungsaufgaben immer schneller zu erlernen, mit vielfältigen Übungen verbessern kann. Ich habe oft den Eindruck gehabt, dass viele Trainer solche Übungen gerne einbauen, nicht nur beim Aufwärmen und obwohl es bei konkreten Problemstellungen wenig Zweck hat, das „Ich-kann-Neues-ganz-schnell-erlernen“ zu üben.

Was hilft mir eine Übung ohne direkten Nutzen, wenn ich eine konkrete Anwendung oder ein hartes Ziel im Visier habe? Ich sollte doch lieber Bewegungsaufgaben üben, die mich meinem Ziel näher bringen – alles andere wäre doch Verschwendung?!

Was also können Trainer tun, die keine Vorturner mehr sein wollen und statt dessen effektiv unterrichten möchten?

Suchen Sie Übungen, die insbesondere folgende Kriterien erfüllen:

  • Möglichst hoher Wert für die Kampfsituation, also häufig verwendete Kampftechniken
  • Zweikampfcharakter erhalten, aber durch Regeln bremsen
  • Starke Dehnung vermeiden
  • Große Kräfte vermeiden

Wie könnte das aussehen?

Hier ein paar Beispiele:

Der angreifende Partner führt abwechselnd die rechte und die linke Faust zum Kopf des abwehrenden Trainingspartners; der wiederum soll diese Angriffe ableiten, stoppen oder ihnen ausweichen. Der angreifende Partner steigert seine Geschwindigkeit gemächlich, bis der abwehrende Partner überfordert ist, was gleichzeitig das Zeichen für einen Rollenwechsel ist.

Als Variation dieser Übung könnte der abwehrende Partner immer wieder versuchen, den Angreifer für einen kurzen Augenblick zu klammern – nicht zu lange, die Übung soll im Fluss bleiben.

In einer anderen Übung kann der Angreifer seinerseits versuchen, mit immer neuen Griffen seinen Partner kurz zu Klammern (nicht festzuhalten!) und der Abwehrende muss versuchen, dieses kurze Klammern erst gar nicht zuzulassen.

Der wesentliche Unterschied zum normalen Training ist hier, dass eine Situation der Überlegenheit nicht durch Folgetechniken ausgebaut wird („Überlegenheit erhalten bis zum Sieg“), sondern der Angreifer schon „gewonnen“ hat, wenn er eine Überlegenheit ansetzen kann. Die Spezialregel für das Aufwärmen lautet also „Ansetzen, aber nicht ausbauen“, sodass die Übung fließen kann.

Was bringen solche Übungen?

Ich sehe vor allem diese Vorteile, die den Trainierenden bereits ab der ersten Minute des Aufwärmens zu Gute kommen:

  • Jeder Trainierende übt die Koordination eines Angriffs oder einer Abwehr.
  • Schon in der Aufwärmzeit wird die Antizipation geübt, um den Angriff des Gegners lesen zu lernen und dessen nächste Aktion besser vorherzusehen.
  • Der Zweikampfcharakter fordert sofort die volle Konzentration, langweiliges Aufwärm-Turnen füttert nicht mehr inneren Schweinehund, sondern Action und Spaß beginnen sofort.
  • Schließlich wird die hohe Konzentration und Koordination genutzt, die die Teilnehmer zu Anfang des Trainings noch haben.

Sollten Sie nach diesem Plädoyer immer noch an den Hampelmann glauben, dann schreiben Sie mir doch einfach, welche Vorteile ich übersehen habe 🙂

Wenn Sie dagegen der Meinung sind, dass ich effizienzgeil bin und nichts vom Geist des Budo verstehe, dann haben Sie ziemlich Recht und es wäre ineffizient, mich auch noch darauf hinzuweisen. 😦

Das Foto wurde freundlicherweise von Ralf Pfeifer zur Verfügung gestellt.

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