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Christian Köhler ist Ethnologe, Kampfsportler und Autor des Buches „Capoeira. Körper, Flow und Erzählung im afrobrasilianischen Kampftanz“ (Tectum-Verlag, Marburg). Feldforschungen führten ihn unter anderem ins brasilianische Salvador da Bahia. Seit Oktober 2015 promoviert er an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg über das Thema „Ökonomien der Gewalt. Zweikämpferische Körperpraktiken zwischen Kooperation und Konfrontation“ und betrachtet dabei vor allem Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede von Kooperation und Konfrontation in zweikämpferischen Praktiken. Für HOPLOblog stellt er die Frage „Warum eigentlich Zweikampf?“ und lässt bei der Beantwortung Ergebnisse einer von ihm durchgeführten ethnologischen Studie einfließen.

Warum eigentlich Zweikampf? Deutschland erscheint im weltweiten Vergleich als eine befriedete Enklave, was die statistische Möglichkeit angeht, jemals in seinem Leben irgendeiner Art von Gewalt ausgesetzt zu werden. Ich persönlich kann abends durch die beleuchteten Straßen gehen, ohne bisher ausgeraubt oder verprügelt worden zu sein. Besagte Statistiken belegen dasselbe Glück auch für die Überwiegende Mehrheit meiner Mitbürger. Dennoch trainiere ich seit 25 Jahren Kampfsport, wie auch viele meiner Freunde und Kollegen, sowie eine Unmenge von anderen Personen, die ich diesbezüglich im Rahmen einer ethnologischen Studie befragt habe. Wodurch lässt sich die enorme Verbreitung von Praktiken des Kämpfens in einem gesellschaftlichen Klima erklären, in dem Gewalt durch den größtenteils funktionierenden Staat reguliert wird?

Vom konkreten Bedarf an Gewaltkompetenzen für bestimmte zivile Berufsgruppen, das Militär und (organisierte) Kriminalität einmal abgesehen, scheint die Vermutung nahe zu liegen, dass es nicht nur um einen unmittelbaren praktischen Nutzen zur Selbstverteidigung usw. gehen muss. Über philosophische Reflexionen, emische Deutungen und wissenschaftliche Diskurse wurden im Verlauf der Diskussion bereits insbesondere anhand traditioneller Kampfsysteme einige mittelbare Ziele kämpferischer Körpertechniken für einen gewaltarmen Alltag deutlich gemacht. Hierbei kommt vor allem ein Ebenenwechsel der unmittelbaren, körperlich manifestierten Praktik zum stilisierten Lebensführungsprinzip zum Tragen. Autoren wie Inazo Nitobe erheben derartige Denkarten wie „Bushidô„, den Weg des Kriegers, als „Die Seele Japans“ zum grundlegenden gesellschaftlichen Kalkül ganzer Nationen.

Wie uns aus unzähligen ethnographischen Fallbeispielen bekannt, sind auch in anderen ritualisierten Praktiken die subjektiven und objektiven Interessenlagen der Praktiker vielschichtig. Es wäre alles andere als wissenschaftlich korrekt, monokausal zu argumentieren. Anhand der Bandbreite des von mir erhobenen qualitativen Forschungsmaterials kann eine grobe Übersicht über die Gemengelage aus Motivation und Wirkung geleistet werden, die eine Vereinseitigung vermeidet.

Nicht gerade überraschender Weise ist das seitens der Praktiker am häufigsten angegebene Motiv, sich in Kickboxkursen, Karatestunden oder Capoeiraspielen zu betätigen: Spaß. Dieser hat analytisch sowohl eine eher oberflächliche, als zugleich auch eine sehr tiefgründige Dimension. „Spaß“ verdeckt rationale und tieferliegende emotionale Motive, er ist meiner Erfahrung nach der naheliegendste Begriff dafür, dass man nicht weiß, warum man etwas eigentlich macht oder es aber doch weiß und es nicht sagen will. Auf der anderen Seite begründet die Suche nach Vergnügen, Spaß und Glück sehr wohl viele menschliche Aktivitäten bis hin zu außeralltäglichen Erfahrungen wie „Flow“ und „Trance“ auf psychologischer Ebene für diesen Kontext durchaus ausreichend.

In Hinblick darauf, warum körperliche Aktivitäten mit dem entsprechenden Reiz eines Gegenübers gesucht werden, kann man auch aus dieser platten Folie von emotionalem Gewinn und Verlust weitere Erkenntnis ziehen. Der Körper, mittels dessen die Praktiker in emotional positive Zustände geraten, wird so zum Akteur, genauer: Aktant, der einen Einfluss hat darauf, wie soziale Realität gestaltet wird. Spaß an der Bewegung, Freude am Reiz des spielerischen miteinander Ringens hat auch einen neuropsychologischen Hintergrund, der eine biologische Eigenmächtigkeit entfaltet. Mir macht es Spaß zu raufen, weil es sich gut anfühlt, dieses Gefühl motiviert mich, mich mit kämpferischen Praktiken auseinanderzusetzen. In diesen finde ich aber weit mehr als nur diese Freude, denn um diese zu erreichen, muss ich mich – im Rahmen eines gestalteten Trainings – mit dem kompletten Paket beschäftigen.

Ein weiteres verbreitetes Motiv, das auch die Verbindung von Körperlichkeit mit anderen Bereichen tangiert, ist die körperliche Fitness, die im Feld stark angestrebt wird. Zum einen geschieht das sicher wegen der inneren Notwendigkeit, eine gewisses Maß an Bewegungsvermögen entwickeln zu müssen, um überhaupt „kämpfen“ zu können, zum anderen offenbart meine Feldforschung auch genau den entgegengesetzten Fall. Anders als bei Einzeldisziplinen wie Laufen oder reinen Fitnesskursen, liegt das Motivationspotenzial zur Bewegung durch den Reiz des Gegenübers oder die Arbeit an Schlagpolstern u. ä. im Kickboxkurs wesentlich höher. Viele meiner Informanten im Freizeitbereich schätzen das Training als ein intensives, „anspruchsvolles Workout“, da es den Körper eben nicht nur vereinseitigt anspricht.

Das dritte Moment ist nicht zu vernachlässigen: Kampfkunst, -sport und Selbstverteidigung werden trotz alledem auch aus Gründen der Selbstverteidigung im zivilen Bereich betrieben. Neben gesteigertem Selbstwert- und Körpergefühl zeigt sich ein subjektiv gesteigertes Empfinden der Sicherheit „auf der Straße“. Selten haben die von mir befragten Praktiker bereits mit konkreten Gewaltsituationen Erfahrungen gemacht, zeigen aber eine Tendenz, das Gefühl der Sicherheit auf der Straße dennoch gesondert zu thematisieren.

„Gewalt“ ist ihrer Häufigkeit nach und auch aufgrund ihrer oftmals fatalen Konsequenzen im besten Sinne unzugänglich, wie u. a. der Anthropologie Greg Downey mit seinem Begriff der „Hypergewalt“ verdeutlichen kann. Damit einher geht eine gewisse Neugier, die in Downeys Studie vor allem medialisiert, durch Teilnahme an Kampfveranstaltungen oder in Filmen usw., befriedigt wird. Das Training von den zur Schau gestellten Kampfsportarten bietet aber zudem noch die körperliche Komponente des „selber Spürens“. So intensiviert es das Erlebnis und öffnet so die Zugänglichkeit zur „realen“ Komponente der Interaktion, d. h. in diesem Sinne vor allem von aktiver oder passiver Manipulation eines Gegenübers.

Im zeitgenössischen Klima unserer wirtschaftlichen Produktionsverhältnisse sind die Bereiche „Arbeit“ und „Freizeit“ explizit, wenn auch nicht scharf, getrennt. Auffallend ist, dass im betrachteten Feld die Freizeitaktivität starken Arbeitscharakter hat: „harte Arbeit, Schweiß und Blut“ sind aus emischer Perspektive die Dinge, die man einsetzen muss, um „Erfolg“ zu haben. Diese Form von Freizeit dient so durch den erlebten „Spaß“ im soziologischen Sinne durchaus dem „Erträglichmachen“ der gesellschaftlichen Umstände als „Ausgleich“ zum Arbeitsalltag. Zum anderen wird dabei derselbe wettbewerbs- und erfolgsorientiere Habitus reproduziert.

Sowohl Fitness, Spaß, Wettbewerb und Erfolg deuten auf eine selbstbezügliche, Sicherheit anstrebende Motivation der individuellen Maximierung von Lust und Gewinn. Auf der anderen Seite kennt aber zwei-kämpferische Praxis nicht nur diese eine Sicht, sondern bezieht bereits der Sache nach einen Gegenüber mit ein. Auch der Wettbewerbsgedanke, der sich bis hin zum Profikampf mit maximalen Einsatz zwischen „er oder ich“ stilisieren lässt, trägt bereits diese Zweiteilung mit.

In den Praktiken selbst – im Training, Sparring, Spiel oder Kampf – offenbart sich nun ein Spektrum unterschiedlicher Herangehensweisen an die Interaktion mit „dem Anderen“, der archetypisch jeder menschlichen Beziehung, und speziell jeder Ethnographie (als der Beschreibung von „Anderen“) vorangeht. Beim zweiten Blick zeigt sich das kritische und subversive Potenzial der bis heute nicht nur konservierten, sondern profund weiterentwickelten kämpferischen Praktiken. Durch das Training wird Gemeinschaft nicht nur denk-, sondern körperlich erlebbar. Selten beachtete Studien zur (körperlich bedingten) Bindung über Techniken wie „Drill“ von McNeill nehmen diese Komponente Ernst. Irgendwo zwischen „Ritual“ und „Spiel“ angesiedelt, können derlei Körpertechnologien Gemeinschaft und Gesellschaft nicht nur spiegeln, sondern auch verändern.

Viel deutlicher wird das noch im kleineren Rahmen der eigentlichen „Konfrontation“ mit dem Gegenüber beim Kämpfen. Genaugenommen ist das Wort „Kämpfen“ dabei zu eng gefasst, denn beispielsweise ein Kickboxsparring ist wesentlich mehr auf die Einhaltung von Regeln und die Kooperation der „Kämpfer“ angewiesen als auf das eigentliche „Ziel“, das „Besiegen“ des Gegners. Die Konfrontation ist eben nicht total, der Kampf nicht real und das Miteinander zu einem gemeinsamen Lernprozess der Normalfall. In der Bandbreite von Kooperation und Konfrontation spiegeln sich in diesem Moment sowohl die individuelle Beziehung zweier Menschen als auch die conditio humana und konkrete gesellschaftlich verankerte Verhaltensmuster.

Niemand kommt im „normalen“ Rahmen eines Amateursparrings, eines Capoeiraspiels oder gar eines Profikampfes, deren Regeln explizit und implizit zugleich definiert werden, auf die Idee, diesen bindenden Rahmen zu verlassen und die Grenzen der zugebilligten Gewalt zu übersteigen. Das dieser Fall dennoch eintreten kann ist sowohl leicht vorstellbar, als auch faktisch belegt: ein prominentes Beispiel zeugt von einem durch den Boxer Mike Tyson abgebissenes Ohr.

Die körperliche Praxis bietet in beide Richtungen Möglichkeiten: zur totalen Kooperation, die jedes potenziell schädigendes Verhalten vermeidet, bis hin zur absoluten Konfrontation mit tödlicher Gewalt. Allein schon dadurch wird ein ethisches Spektrum aufgezeigt, das phänomenologische Rückschlüsse auf unser Zusammenleben zulässt. Darüber hinausgehend bieten derlei Praktiken also auch Gestaltungsmöglichkeiten, wie wir uns selbst vorführen wollen, wie wir unser Leben und unser Handeln in Bezug auf Andere gestalten wollen.

Wie bereits in den Anfängen der Anthropologie des Körpers angesprochen, kann die Art und Weise, wie wir uns (miteinander) bewegen, neue Sichtweisen eröffnen und bietet so die Chance auf die weitere Kultivation eines Zivilisierungsprozesses, der auf eine gesellschaftliche Passform ethisch körperlich-normierten Verhaltens hinsteuert.

Obskurer Weise geschieht das ausgerechnet auch in einem Sektor, der zeitweise starker Kritik ausgesetzt ist, eben diesen Zivilisierungsprozess zu unterminieren. Kämpfe „so real wie sie werden“, medialisiert durch die Vermarktung des Mixed Martial Arts (MMA) der UFC, haben aufgrund besagter Unzugänglichkeit von Gewalt die Tendenz, Außenstehende zu verschrecken und den Vorwurf der Barbarei zu verursachen. Es fällt Vielen schwer, den „Sport“-Faktor darin zu sehen. Wesentlich leichter haben es dabei Praktiken wie der „brasilianische Tanzkampf“ Capoeira, der direkten körperlichen Kontakt und damit Blut vermeidet. Nichtsdestotrotz liegt der eigentliche Schrecken der Entgrenzung von Gewalt nicht in den Praktiken selbst, sondern den Praktikern, die – je nach psychischer / emotionaler Disposition – ein mehr oder minder stark ausgeprägtes Gewaltbedürfnis haben oder Gewalt als probates Mittel nehmen, ihre Ziele zu erreichen.

Aus makroskopischer Perspektive bieten zweikämpferische Praktiken Bildungschancen auf einem niedrigschwelligen und für viele Praktiker zugänglicherem Niveau als ein Ethikkurs im Schulunterricht. Durch die Erschließung über Körperlichkeit werden Sachverhalte, die auf menschliche Beziehung gehen, nicht nur anschaulich, sondern konkret erleb- und spürbar. Dies paart sich mit hohem Motivationspotenzial durch „Spaß“ und individuellem Nutzen durch „Fitness“. Neben der eigentlichen Anwendung als „Kampf“ fungieren sie als „Sport“ im Freizeitsektor und individuelle sowie gesellschaftliche Reserve menschlicher Beziehung zwischen Freund- und Feindsein.

Das Foto wurde freundlicherweise von Christian Köhler und dem Capoeira Halle e. V. zur Verfügung gestellt.

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