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Vor dem Zweiten Weltkrieg verließen Tausende von Menschen die Ryūkyū-Inseln und emigrierten nach Übersee. Die erste Auswanderungswelle ging zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Hawaii, gefolgt von einer Welle zu verschiedenen pazifischen Inseln in den 1920er Jahren und mehreren Migrationen nach Amerika. Obwohl diese Auswanderungsbewegungen recht gut erforscht sind, ist trotz einiger individueller Bemühungen von Bruce Haines, Charles C. Goodin und in jüngster Zeit von Motobu Naoki und Bruno Chagas nicht viel über das Kampfkunstwissen bekannt, das die Auswanderer aus Okinawa mitbrachten. Wir wissen nur von einigen vereinzelten lokalen Karate-Aktivitäten, und das aus einer Zeit noch bevor Yabu Kentsū (屋部憲通, 1866-1937) 1919 in die Vereinigten Staaten kam. Es gibt zum Beispiel die Geschichte von Nakaza Seijō (Daten nicht bekannt), der um 1902 in San Francisco viele Geschichten über seine Anwendung des Karate erzählte. Oder die Geschichte von Higa Watoku (1886-1983), der 1905 nach Hawaii kam und 1894 mit dem Karatetraining begann. Er soll sogar nach eigenen Angaben ein Enkel des legendären Matsumura Sōkon (松村宗棍, 1809-1899) gewesen sein.
Vor nicht allzu langer Zeit diskutierten Forscher die „Ankunft des Karate in Brasilien“ durch Yabiku Mōtoku (屋比久孟徳, 1886-1951), einen Schüler von Yabu Kentsū, der 1917 nach Brasilien kam. Es wurden sogar Bilder und ein Videoclip aus den 1950er Jahren ausgegraben, aus denen wir Rückschlüsse auf das Karate ziehen können, wie es im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ausgesehen haben könnte.

Jetzt hat der Motobu Naoki den Namen von Chinen Zen’ichi (知念善一, 1903-1979), der 1931 nach Argentinien ausgewandert ist, ins Gespräch gebracht. Dank der Hilfe von Augusto Delos Gonzalez und Vilma Giannini aus Argentinien sind wir in der Lage, das interessante (Karate-)Leben von Chinen zu beleuchten: Er wurde im Dorf Yonabaru in der Nähe von Shuri geboren und begann sein Karatetraining in Shuri um 1915 bei Yabiku Mōden (屋比久猛伝, 1882-1945), Ōshiro Chōjo (大城朝恕, 1887-1935) und Kyan Chōtoku (喜屋武 朝徳, 1870-1945). Mit Yabiku Sensei studierte er die Kata Naihanchi und Pin’an. Mit Ōshiro Sensei übte er die Kata Naihanchi. Aufgrund der Beziehung der Familie Chinen zu Kyan Chōtoku lernte Chinen Oyadomari no Passai. Wie viele Okinawaner in Argentinien arbeitete er in der chemischen Reinigung und betrieb Karate aktiv bis zu seinem Tod im Jahr 1979. Als Kind soll er sogar Itosu Ankō (糸洲安恒, 1831-1915) gesehen haben, als er schon sehr alt war. Das weckte mein besonderes Interesse. Ich habe oft darüber nachgedacht, was wir in den okinawanischen Gemeinschaften im Ausland finden würden, wenn wir genauer hinschauen.

In der Tat hat sich letztlich an keinem Ort, an dem sich damals Okinawaner niederließen, eine kontinuierliche Karatetradition etabliert, die sich bis zu ihren Ryūkyū-Ursprüngen zurückverfolgen lässt. Ich denke jedoch, dass wir uns mit diesem Forschungsgebiet eingehender befassen müssen.

Das Bild zeigt Chinen Zen’ichi und wurde mit freundlicher Genehmigung von Vilma Giannini verwendet. Quelle: Enciclopedia de la Inmigración Japonesa en Argentina“ (Band 1)