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Gegenüber anderen Körperkulturen (body cultures) wie beispielsweise den olympischen Kampfsportdisziplinen Judo und Taekwondo, dem indischen Yoga oder dem westlich geprägtem Bodybuilding ist Capoeira in der breiten Öffentlichkeit weitestgehend unbekannt. Erst seit den 1980er Jahren gewinnt der afro-brasilianische Kampftanz langsam an Bekanntheit. Das gilt gleichermaßen für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser Bewegungsform. Auch die Magisterarbeit von Sarah Lempp, die unter dem Titel „Über den Black Atlantic. Authentizität und Hybridität in der Capoeira Angola“ in der Reihe Ethnologie im Tectum Verlag 2013 erschienen ist, widmet sich diesem kulturellem Phänomen. Dabei geht sie der Frage nach, „wie Capoeira-Angola-Spielerinnen und -Spieler [in Deutschland] das komplexe Geflecht aus Tanz, Musik, Bewegungsformen und Mythologie für sich nutzbar machen und sich die Capoeira dabei verändert“. Weiterhin wirft sie einen Blick auf die Rolle der Capoeira als schwarze Widerstandsbewegung“ sowie im „Markt ‘exotischer’ Freizeitaktivitäten“.

Das Buch ist so aufgebaut, dass nach Vorstellung des Themas und der zentralen Fragestellung die Grundlage für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Forschungsfeld gelegt wird (S. 9-20). Anschließend gibt die Autorin einen Überblick über die bisherige ethnologische Beschäftigung mit der Capoeira mit der Zielsetzung, ihre Arbeit in die wissenschaftliche Diskussion einzuordnen (S. 21-27). Zur Einordnung des Themas in den historischen Kontext folgt ein Einblick in die Geschichte der Capoeira (S. 29-45). Nach der Eingrenzung des Forschungsfelds (S. 47-55), Ausführungen zum methodischen Vorgehen (S. 57-67) der Darstellung und der Interpretation des empirischen Materials in der Binnenperspektive (S. 69-91), schließt die Autorin mit der Diskussion ihrer Ergebnisse bezogen auf Authentizität und Hybridität (S. 93-113) sowie mit ihrer Schlussbetrachtung (S. 115-122). Ein Glossar sowie ein umfangreiches Quellenverzeichnis runden die Arbeit ab.

In der Essenz ihrer wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Capoeira und den Einstellungen und Erfahrungen von ausgewählten Capoeirista, die sie für ihre Studie interviewt hat, liefert Lempp mit der vorliegenden Arbeit eine Analyse zum Verständnis von kulturellen Übersetzungsprozessen – dies allerdings beschränkt auf eine mikroperspektivische Sicht. Ein zusätzlicher Blick auf einen größeren Kontext findet nicht statt und wäre sicherlich auch im Rahmen einer Magisterarbeit nicht möglich gewesen. Den Wert der vorliegenden Arbeit schmälert dies ohnehin in keinem Fall.

Lempp gelingt es hier auf hervorragende Weise – in dem ihr möglichen Rahmen – eine allgemein verständliche und gut lesbare ethnologische Studie vorzulegen. Die Autorin selbst hat Capoeira bei einem Studienaufenthalt in Rio de Janeiro kennengelernt, hat also nicht nur theoretische sondern auch praktische Erfahrungen gesammelt, die ihr bei der Beschäftigung mit der Materie von Nutzen sind. Darüber hinaus greift die Autorin auf originalsprachliche Quellen zurück, was den Wert ihrer Arbeit zusätzlich steigert. Das Buch von Sarah Lempp ist uneingeschränkt empfehlenswert – sowohl für den aktiven Capoeirista, den interessierten Kampfkünstler als auch für den ethnologisch sowie hoplologisch Forschenden.

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