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Über die Ninja ist viel geschrieben worden. Vieles von dem, was zu diesem Themenbereich verfasst wurde, ist allerdings unwissenschaftlich und gibt nur das wieder, was zuvor durch andere bereits irgendwo publiziert wurde. Erst langsam, unter anderem durch die Arbeiten von Antony Cummins und John Man angetrieben, hat sich hier vor wenigen Jahren eine Tür geöffnet, sich tiefgründiger und fernab festgefahrener Denkansätze mit den historischen Hintergründen zu beschäftigen.

Im Zuge dessen ist kürzlich ein konfrontativer Beitrag über die historischen Ursprünge der Ninja erschienen, der es sich für sich beansprucht, ein klares Bild über den historischen Kern der heute als allgemeingültig angesehenen Kenntnisse zu liefern. Der Autor, Stephen Turnbull, ist kein Unbekannter. Der mit dem Cannon Prize der British Association for Japanese Studies und dem Japan Festival Literary Award ausgezeichnete britische Historiker forscht seit mehr als 30 Jahren auf dem Gebiet der japanischen Militärgeschichte und hat zahlreiche Bücher und wissenschaftliche Beiträge über die Samurai geschrieben.

In seinem aktuellen Artikel The Ninja: An Invented Tradition? (veröffentlicht in: Journal of Global Initiatives: Policy, Pedagogy, Perspective Vol. 9, No. 1, 2014, pp. 9-26) blickt er jetzt erstmalig, fast 25 Jahre nachdem sein Buch Ninja. The True Story of Japan’s Secret Warrior Cult (1991) erschien, wieder auf das Ninja-Phänomen. Und er geht dabei der Frage nach, ob die aus den japanischen Gegenden Iga und Kôka stammenden historischen Ninja eine erfundene Tradition im Sinne von Hobsbawms und Rangers ideologiekritischem Konzept der Invented Traditions sind, die sich erst nach der 2. Tenshō Iga Schlacht und den anschließenden politischen Umwälzungen von 1581 langsam entwickelte.

Turnbull stellt drei Kriterien auf, die erfüllt sein müssen, um die vorherrschende Sichtweise einer exklusiven aus Iga/Kôka stammenden, historischen Ninja-Kriegerelite zu stützen (S. 11). Seine gründliche Analyse und Interpretation originaljapanischer, historischen Quellen führt schließlich zu dem Ergebnis, dass in der gesamten japanischen Geschichte zwar immer verdeckte Operationen ausgeübt wurden, dieses aber durch fähige Krieger („skilled warriors“, S. 24), die nicht zu einer vererbten (Ninja-)Tradition gehörten. Iga und Kôka hätten demnach darauf kein alleiniges Monopol besessen. Auch gäbe es keinerlei Beweise dafür, so der Autor, dass eine Überlieferung (von Traditionen und Praktiken) an andere Provinzen nach 1581 stattgefunden habe. Schlussendlich stellt er somit fest, dass die Ninja von Iga und Kôka ein klassisches Beispiel für eine erfundene Tradition nach der Definition von Hobsbawm und Ranger (S. 24) sind. Der Begriff bzw. das Konstrukt Ninja, vor allem in der Verbindung zu dem kolportierten Ninja-Kernland, sei demnach erst später zu dem geworden, was es heute darstellt.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass die einzige authentische Geschichte von einer geheimen Iga-Kriegsführung, das Tamon-In nikki, Turnbull zufolge auf ein Ereignis von 1541 beruht (S. 16). Dieses wiederum sei Auslöser von romantisierenden Berichten aus späteren Jahren – wie zum Beispiel das Taikô ki, einer fiktionalisierten Version des Lebens von Toyotomi Hideyoshi gewesen, in der es unter anderem um die Invasion von Korea aus dem Jahre 1592 ging, die zum gegenwärtigen Ninja-Bild – geführt hätten (S. 18). Ein ähnliches Ergebnis liefert auch Turnbulls Quelleninterpretation zu Kôka (S. 18ff).

Mit seinem Beitrag ist Turnbull eine hervorragende Arbeit gelungen, die vor allem in Internet bereits verschiedene Resonanz (z. B. Diskussion auf YouTube) erzeugt hat. Er trägt damit sehr zu einer seriösen Auseinandersetzung mit dem Ninja-Phänomen bei, das teilweise zu sehr eher durch Mythen als durch wissenschaftliche Fakten getragen wird. Der Autor selbst kommentiert diesen Umstand außerordentlich selbstkritisch, wenn er feststellt, dass er seine Ninja-Monographie von 1991 (siehe oben) zu enthusiastisch und wenig unreflektiert verfasste. So erklärt er schließlich auch die Motivation dieses Beitrags: „In this article I shall therefore re-examine the evidence with a degree of academic rigor that may have been lacking in 1991“ (S. 11). Es ist zu hören, dass Turnbull sich auch weiterhin mit dem Thema befassen wird. Die Komplettübersetzung einer japanischen Originalquelle von 1800 sei in Vorbereitung. Wir werden das gespannt verfolgen.

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