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Henning Wittwer ist Karateka und Autor. Als solcher beschäftigt er sich hauptsächlich mit der Thematik der japanischen Kampftraditionen sowie der Geschichte der chinesischen Kampfkünste. Einige seiner Arbeiten erschienen in deutsch- und englischsprachigen Fachmagazinen. Sein erstes Buch, „Shōtōkan – überlieferte Texte & historische Untersuchungen„, wurde 2007 im Eigenverlag veröffentlicht. Ein zweiter Band ist derzeit in Planung.

Im Jahr 1992 haben Sie mit dem Karatesport begonnen und sich später auf die Suche nach einem „etwas gehaltvollerem“ Karate gemacht. Was haben Sie gefunden?

Um diese Frage beantworten zu können, muss ich zunächst ein wenig ausholen und erläutern, was ich am Anfang vorfand. Meine persönlichen Beobachtungen waren, dass Karate eine Angelegenheit ist, bei der Theorie und Praxis enorm auseinanderklaffen und sich in einigen Fällen sogar regelrecht widersprechen. Ein simples Beispiel ist das Thema Wettkampf. Einerseits las ich von Funakoshi Gichin (1868-1957) und seiner ablehnenden Haltung gegenüber diesem Thema. Andererseits landete ich als jugendlicher Anfänger, angetrieben von lokalen Trainern, genau da – auf einem (eher bedeutungslosen) Wettkampf.

Einerseits antwortete ein für die damalige Situation recht hochgraduierter deutscher Trainer auf meine Frage, von wem er denn Karate gelernt hatte, dass er quasi bei allen japanischen JKA-Größen gewesen sei. Ich selbst wiederum fragte mich, worin genau sich dieser Fakt in seiner Technik niederschlagen würde. Müsste die Karate-Technik einer Person, die von quasi allen japanischen JKA-Größen Unterricht erhielt, nicht über hervorstechende Merkmale oder zumindest eine Güte, die über der breiten Masse liegt, verfügen?

Einerseits soll Karate-Training eine gesundheitsfördernde Wirkung besitzen. Im Gegensatz dazu musste ich z.B. erfahren, dass ein geachteter japanischer Karate-Lehrer an Hüftproblemen litt und seine Seniorschüler leider gezwungen waren, sich ihrerseits Hüftoperationen zu unterziehen. Ein anderer alter japanischer Lehrmeister erklärte seine Unfähigkeit im Seiza zu sitzen vor versammelter Mannschaft mit einer Knieverletzung, die allerdings, so betonte er, nichts mit seinem Karate-Training zu tun haben sollte. Bis heute frage ich mich, wie viele der Anwesenden damals ernsthaft glaubten, dass seine sechzigjährige Karate-Praxis nichts mit seinen Knieproblemen zu tun hatte.

Schließlich noch ein letztes Beispiel. Funakoshi Gichin verfasste ein wunderbares Gedicht. Dessen erste Worte lauten „Die göttliche Kunst der südlichen Gestade“. Sein Lehrer, Asato Ankō (1828-1906), sprach von „göttlicher Kampfkunst“. Beide Begriffe stellen natürlich eine gewisse dichterische bzw. pathetische Ausschmückung dar, aber ich ging davon aus, dass jemand, der so selbstbewußt Inhalte oder Ziele seiner Kampfkunst charakterisiert, tatsächlich etwas von Wert zu vermitteln hatte. Allein, in der gegenwärtigen Praxis des Karate entdeckte ich nichts, zu dem das Attribut „göttlich“ passte.

Zumindest in der Theorie der Pioniere fand ich also ein paar eklatante Widersprüche zur weithin verbreiteten Praxis, wie meine kleinen Beispiele zeigen sollten. Um nun etwas zu finden, brauchte ich nur noch möglichst viele Trainingsgelegenheiten überall in Deutschland, im europäischen Ausland und in Japan wahrzunehmen, um bei den verschiedensten japanischen Lehrmeistern zu lernen.

Vor allem versuchte ich dabei auf die spezifischen technischen Eigenschaften des jeweiligen Sensei zu achten, um so technische Unterschiede herausstellen zu können. Häufig wird die Meinung vertreten, dass Gemeinsamkeiten wichtiger sind oder ohnehin den Verbindungsfaktor des Budō darstellen. Meiner Erfahrung nach führt die Suche nach Gemeinsamkeiten zu einem technischen Einheitsbrei und in die Oberflächlichkeit. Durch die Analyse von Unterschieden kann der Kern der Sache, die eigentliche technische Fertigkeit (Waza) einer Karate-Ausrichtung oder eines Karate-Lehrers, aufgespürt werden. So bin ich in der Lage, diesen dann körperlich umzusetzen und zu verinnerlichen.

Jedenfalls ermöglichte mir dieses Vorgehen, qualitative Vergleiche anzustellen, wobei meine Grundthese war, dass, falls da ein echter Wert im herkömmlichen Karate existierte, er sich nah am Ursprung befinden müsste. Deshalb konzentrierte ich mich auf japanische Lehrmeister, die möglichst lange von Funakoshi Gichin lernten. Folglich trainierte ich bei eher älteren Herrschaften.

Im Budō, anders als im Sport, soll, zumindest in der Theorie, technisches Vermögen bis in hohe Alter verbessert werden können. Diesen Punkt bestätigten mehr oder weniger gut alle der Lehrmeister, bei denen ich trainieren durfte, und die ihr Karate-Training in der Zeit des Zweiten Weltkriegs aufnahmen. Einer überragte aus technischer Sicht die anderen. Sein Karate enthält erstaunlich viele Überschneidungen mit Aussagen aus alten Quellen, zeigt, dass ein Adept auch im hohen Alter fit und agil sein kann und vor allem kennzeichnet es eine große technische Tiefe und Wirksamkeit. Dieses Karate fand ich und dieses Karate trainiere ich seitdem.

Bei welchen Lehrmeistern und Trainern haben Sie in den letzten Jahren trainiert? Wer hat Sie davon am meisten beeindruckt?

Vor 2002 besuchte ich Lehrgänge und Trainings bei möglichst vielen japanischen Lehrmeistern des Karate, um, wie gerade beschrieben, einen soliden Vergleich zu erhalten. Dabei beeindruckte mich besonders die technische Fertigkeit von Kase Taiji (1929-2004). Deshalb nahm ich seit 1997 an fast allen seiner Lehrgänge in Deutschland teil.

2002 hatte ich dann zum ersten Mal die Möglichkeit, bei Harada Mitsusuke trainieren zu dürfen, der seither mein Karate-Lehrer ist. Sein großartiges technisches Vermögen verkörpert das, was andere Lehrmeister bestenfalls als zu steckende Übungsziele beschrieben, selbst aber nicht in die Praxis umzusetzen vermochten. In den letzten Jahren trainierte ist quasi ausschließlich bei ihm.

Sie sind in Deutschland einer der wenigen Autoren, die sich mit historischen Originalquellen beschäftigen und diese für die breite Öffentlichkeit übersetzen. Was treibt Sie an?

Ich wollte das Karate verstehen, welches von Funakoshi Gichin als „göttliche Kunst“ umschrieben wurde. Dazu musste ich alte, verstaubte japanische Texte nutzen, die genau das zu erklären versuchen. Obwohl die in ihnen enthaltenen Antworten gewiss nicht jedem zusagen, halfen sie mir, mein eigenes Training in eine fruchtbare Richtung zu lenken, wie ich zuvor bereits zu erklären versuchte.

Gleichzeitig verdeutlichte mir die Beschäftigung mit den alten Quellen eines sehr deutlich: Das, was heute unter „Karate“ verstanden wird, hat in vielen Fällen nur noch sehr wenig mit dem zu tun, was die Pioniere zu vermitteln suchten. Dabei sind die Abweichungen in der heutigen Karate-Welt, wenn ich sie bewerten müsste, eher negativ als positiv. Nun ist der sinnvollste Beitrag, den jemand wie ich leisten kann, eben diese alten Quellen heutigen Karate-Anhängern zugänglich zu machen, und zwar so genau und unverfälscht wie möglich, um Wissen zu schaffen und Halbwissen abzuschaffen. Vielleicht kann ich auf diese Art und Weise theoretische und/oder praktische Anregungen geben, die sich direkt auf das Training übertragen lassen. Diese Gedanken treiben mich an.

Warum wird auf dem Gebiet der Kampfkünste generell so wenig geforscht?

Meiner Meinung nach gibt es hierfür drei Hauptgründe. Mangelnde Fähigkeit, wissenschaftliches Desinteresse und Angst vor Aufklärung.

Jemand, der auf dem Gebiet der japanischen Kampfkunst allgemein oder dem Karate im Besonderen ernsthaft forschen möchte, muss ohne Wenn und Aber etwas mit japanischen Quellen anfangen können. Im Grunde ist es lächerlich, die Geschichte oder Lehre des Karate erforschen zu wollen, ohne die Texte der Pioniere im Original verstehen zu können. Mit diesem ersten Rüstzeug ist der Forscher schon mal in der Lage, die Angelegenheit „Karate“ oder „Budō“ als Außenstehender zu beschreiben (etische Perspektive). Doch in diesem Fall fehlt ihm immer noch profundes Insiderwissen und -können, um Begriffe und Formulierungen korrekt einordnen zu können. Denn nur als Insider, als Adept einer herkömmlichen Strömung des Karate oder Budō erhält er die Erfahrung und das Wissen, um unser Thema authentisch zu beschreiben (emische Perspektive). Beide Perspektiven in Verbindung sind, meiner Ansicht nach, unabdingbar.

Lassen Sie mich ein Beispiel anführen: Ein guter Übersetzer wird wirklich gar kein Problem damit haben, den Begriff „Mushin“ ins Deutsche zu übertragen. Sein Problem taucht an der Stelle auf, an der er diesen Begriff im Kontext des Karate einer bestimmten Strömung oder eines gewissen Lehrmeisters erklären muß. Mit ein wenig kulturellem Hintergrundwissen wird er Mushin mit einer buddhistischen Strömung in Verbindung bringen und kann so seitenlange Kommentare zu diesem Begriff abliefern. Natürlich erklären diese Kommentare Mushin als Bestandteil einer philosophisch-religiösen Lehre. Auf diese Weise erhält die gesamte Übersetzung plötzlich einen philosophisch-religiösen Anstrich und Karate wird augenscheinlich zu einem Teil des japanischen Buddhismus. Andersherum weiß ein Adept, was genau es mit dem Begriff Mushin in seiner Tradition auf sich hat, wofür und in welchem Kontext er tatsächlich benutzt wird. Vor ein paar Monaten demonstrierte mein Karate-Lehrer, Harada Mitsusuke, einen wichtigen technischen Punkt, wie immer mit einem angreifenden Partner. Dazu erklärte er, dass dieser auch Mushin genannt wird. Ich sollte den Begriff ins Englische übersetzen, was nicht schwer war. Mich beeindruckte dabei aber, wie Mushin von einem echten Fachmann umgesetzt wird, wofür es tatsächlich steht. Selbstverständlich hat er rein gar nichts mit Buddhismus, Erleuchtung, religiöser Praxis u.ä. zu tun. Er wurde einfach als reiner Begriff übernommen, um einen bestimmten, ziemlich säkularen Punkt im Budō kurz und bündig zu definieren. Folglich unterscheidet sich in diesem Fall die Übersetzung des Begriffs wahrscheinlich weniger; was sich unterscheidet sind das Verständnis und somit die Erklärung von Mushin.

Unterm Strich müssen also idealerweise zwei sehr umfangreiche Fähigkeiten Seite an Seite auftreten, um gute Forschungsergebnisse zu produzieren. Ein guter Forscher weiß, wo seine Grenzen sind; ein schlechter verkündet seine Meinung zu jedem Thema.

Ein zweiter Grund mag ein gewisses wissenschaftliches Desinteresse sein. Denn zumindest im Abendland gibt es viele wichtige und interessante Forschungsthemen, die Japan betreffen, wobei Budō im allgemeinen oder gar Karate mitnichten zur ersten Wahl gehören. Mein Eindruck ist, dass Karate als eher nicht lohnenswertes Forschungsobjekt (finanziell wie inhaltlich) betrachtet wird (vielleicht ist es in der Sportmedizin anders) und im Gegenteil bei einigen Mitmenschen sogar verständnisloses Nase rümpfen auslöst.

2001 erschien eine umfangreiche englischsprachige Enzyklopädie, die von Thomas A. Green herausgegeben wurde und 2010 in einer überarbeiteten Fassung neu veröffentlicht wurde. Selbstverständlich kann ich nicht alle Einträge inhaltlich beurteilen, ganz einfach weil ich z.B. keine Ahnung von afrikanischer Kampfkunst habe. Aber einige der darin enthaltenen Artikel zur japanischen oder chinesischen Kampfkunst sind einfach vortrefflich. Wie ein Stiefkind wurde dagegen das Thema Karate angegangen. Die traurigen Einträge zum Thema okinawanische Kampfkunst bzw. Karate zeigen einmal mehr, wie wenig Interesse offenbar an einer tiefschürfenden Aufarbeitung besteht.

Meine dritte Vermutung ist die Angst vor Aufklärung. Stellen Sie sich bitte einen beliebigen Karate-Trainer vor, der sich über ein, zwei Dekaden hinweg mühevoll sein eigens Karate-Weltbild schuf, das auf mangelhafter Sekundärliteratur, dem ein oder anderen Martial-Arts-Film und viel eigener Phantasie fußt. In dieser Zeit weihte er Schüler in „sein“ Karate ein und erarbeitete sich eine mehr oder weniger große Fanbasis, für die er Lehrgänge abhält und vielleicht auch Bücher herausbringt. Er selbst muss sich vor Erkenntnissen, die auf japanischen Originalquellen beruhen, ziemlich fürchten, denke ich. Denn plötzlich kann sein Wort gegen das der japanischen (okinawanischen) Karate-Pioniere stehen, egal welchen Punkt der Lehre, Trainingsinhalte oder Geschichte dieses betreffen mag. Genau da würden seinen Schülern und Fans ganz klar Zweifel an seiner Kompetenz in den Sinn kommen, die im für ihn schlimmsten Fall zum vollständigen Verlust seiner finanziellen Basis führen würden. Folglich wird er weder das Interesse haben, selbst mit gründlichen Forschungen anzufangen (sofern er über die Fähigkeiten dazu verfügen sollte), noch seine Gefolgschaft bei einem derartigen Vorhaben zu unterstützen. Das gilt im Kleinen wie im Großen.

Ein kurzes Beispiel: Heutzutage wird von einigen Vertretern des Karate die Praxis des sogenannten „Bunkai“ als Herzstück eines vermeintlich traditionellen Karate aufgefaßt und unterrichtet. Überraschenderweise ist diese Praxis des Bunkai eine Erfindung der Neuzeit und hat eher wenig mit herkömmlichen Karate zu tun. Dieser Erkenntnis werden natürliche jede Menge Wenn und Aber von denjenigen entgegengeschleudert, deren Produkt genau dieses Bunkai ist. Oder sie versuchen, sie zu ignorieren und totzuschweigen. Andersherum ist selektives Herauspicken und Deuten von historischen Fakten ein Phänomen, dass sich bei derartigen Trainern findet und das gerne als „Forschung“ verkauft wird. Beides sind Verteidigungsmechanismen, die die Autorität des Trainers schützen sollen. Leider sind sie für ernsthafte Forschung kontraproduktiv.

Aus meiner Warte sind Lehre und Geschichte des Budō und des Karate allemal lohnenswerte Forschungsobjekte und ich freue mich über jede neue Erkenntnis, egal wie groß oder klein sie sein mag.

Wenn Sie Funakoshi Gichin eine Frage stellen könnten, welche wäre das?

Da ich ein Anhänger der Shōtōkan-Strömung bin, der sich dazu noch sehr für die Geschichte des Karate interessiert, fallen mir gleich ein paar Dutzend technische und historische Fragen ein, die ich ihm gerne stellen würde. Wenn es denn eine einzige Frage sein soll, dann würde ich gern von ihm wissen wollen, ob sich für ihn sein Handeln zurückblickend wirklich gelohnt hat.

Durch einen aktuellen Fall in der Politik wird momentan öffentlich verstärkt über Plagiate, also das bewusste Aneignen fremder Leistungen ohne die Nennung von Quellenangaben, diskutiert. Was halten Sie vom weit verbreitetem „Abschreiben“ im Bereich der Kampfkunst-/sportliteratur?

In unserer Zeit und in unserer Gesellschaft gibt es für das „Abschreiben“ ohne Angabe der Quelle den Begriff „Diebstahl geistigen Eigentums“. Das Ergebnis harter Arbeit eines Fremden, seine monetäre Basis, wird gestohlen und es zeugt, abgesehen von der juristischen Perspektive, insbesondere in der Welt des Karate von einem fragwürdigen Charakter, der ja von einigen Mitmenschen gerne mal als besonderer Schwerpunkt der Karate-Übung ausgemacht wird. Im Grunde wäre damit alles gesagt.

Interessanterweise gibt es da in der Kampfkunstwelt eine gewisse Tradition. Lese ich beispielsweise das Geschichtswerk eines neuzeitlichen japanischen Karate-„Forschers“, treffe ich mit Sicherheit auf Aussagen und Inhalte, die ich so oder ähnlich schon an anderer Stelle las. Allein, es fehlt jegliche Quellenangabe. Somit wird der Anschein erweckt, als sei diese Erkenntnis das Ergebnis der Arbeit unseres Karate-„Forschers“. Tatsache ist, dass er, wie viele andere, nur das wiedergibt, was ein, zwei echte Kapazitäten, allen voran Fujiwara Ryōzō, vor dreißig oder vierzig Jahren zu Papier brachten. Sie schmücken sich mit fremden Federn. Für abendländische Forscher bringt diese Praxis fraglos Probleme mit sich.

Aus eigener, leidiger Erfahrung kann ich hinzufügen, dass das Unrechtsbewußtsein seitens der „Abschreiber“ nicht einfach nur sehr gering ausgeprägt zu sein scheint, sondern offenbar völlig fehlt! Anstelle einer Entschuldigung, was das Mindeste wäre, werden mir dann entweder äußerst lahme Erklärungen aufgetischt oder der Überführte versucht sein Vergehen totzuschweigen. Was ich persönlich davon halte, brauche ich kaum zu erwähnen.

Was mich selbst dabei interessiert, sind die Gründe dafür. Naivität ist eine gute Ausrede, aber, ich denke, kein echter Grund. Tatsächlich wissen die „Abschreiber“, dass ihr Produkt, in unserem Fall Karate, in Theorie und Praxis Mängel aufweist. Um ihr Produkt, Karate, aufzuwerten und es für ihre Kunden attraktiver erscheinen zu lassen, bedienen sie sich fremden Know-hows und versuchen durch bewusstes Weglassen der Quelle den Anschein zu erwecken, daß es das ihre ist. Durch diese Handlungsweise schaden sie dem echten Forscher direkt und der Karate-Gemeinschaft indirekt.

Die Auswahl von technischen Anleitungen, Lehrbüchern und sonstigen Werken mit geschichtlich-philosophischen Hintergrund ist ja enorm. Was muss ich beim Kauf von Kampfkunstliteratur beachten?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Einmal wäre es recht wichtig, genau zu wissen, was ich will. Möchte ich z.B. Karate-Weltmeister werden, dann sollte ich mir Literatur besorgen, die von Fachleuten geschrieben wurde, die selbst auch wenigstens einmal Weltmeister waren oder die als Trainer tatsächlich Weltmeister hervorgebracht haben.

Wichtig ist ferner die Erkenntnis, dass Verlage Geld verdienen wollen und somit versuchen, Produkte, in dem Fall Bücher, zu schaffen, die eine große Zahl Kunden ansprechen. Leider wirkt sich dieser Prozess negativ auf die zu kommunizierenden Inhalte des Buchs aus. Eine möglichst genaue und wortgetreue Übersetzung aus dem Japanischen kann sich einfach nicht glatt und flüssig lesen. Dazu sind die Sprachen viel zu unterschiedlich. Für einen Verlag ist allerdings eine leichte, flockige Lesbarkeit ein entscheidendes Kriterium. Dass dabei Inhalte verzerrt oder gar verändert werden, ist für ihn nebensächlich.

Um möglichst große Einnahmen zu erzielen, ist es für einen Verlag auch relativ bedeutungslos, welches die tatsächlichen technischen Inhalte einer Kampfkunst sind. Viel wichtiger für ihn ist ein feines Gespür für Modewellen und gegenwärtige Trends in der Welt der Kampfkünste.

Dann ist ein guter Kampfkunstlehrer nicht gezwungenermaßen ein guter Historiker und umgekehrt. Unter der englischsprachigen Kampfkunstliteratur fallen mir z.B. Titel eines chinesischen Autoren ein, dessen geschichtliche Abrisse, nüchtern betrachtet, katastrophal sind. Andererseits sind seine technischen Anleitungen, sowohl vom technischen Niveau als auch von der Art und Weise der Vermittlung her betrachtet, wirklich Klasse.

Geht es um rein technische Anleitungen, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Vorhin erwähnte ich Asato Ankō, der, laut seinem Schüler, Funakoshi Gichin, ein Buch über die Kampfkunst zu schreiben gedachte. Bis zu seinem Lebensende schaffte er es aber nicht, dieses Projekt in die Tat umzusetzen, was fraglos sehr bedauerlich ist. Funakoshi Gichin schrieb sein erstes Karate-Lehrbuch im Alter von 54 Jahren und nach etwa 42 Trainingsjahren. Motobu Chōki (1870-1944) brachte sein erstes Lehrbuch mit 56 Jahren heraus. Beide verkörperten Karate durch ihr Training bei den Lehrmeistern, die Karate definierten. Sie wußten also sehr wohl, worüber sie schrieben. Es wirkt zumindest komisch, wenn man den ein oder anderen heutzutage entstanden technischen Leitfäden und dessen Autor in diesem Licht betrachtet. Was genau glauben sie mit ihren Werken und ihrem Karate-Hintergrund an Mehrwert zu schaffen?

Dementsprechend wäre meine nächste Empfehlung, genau zu prüfen, bei wem der jeweilige Verfasser Karate (oder allgemein Kampfkunst) lernte, wenn es denn um herkömmliches Karate gehen soll.

Hinzu kommt, daß heutige Autoren keine Karate-„Verkörperungen“, wie eben Funakoshi Gichin oder Motobu Chōki darstellen und, wenn sie ernsthaft über Karate schreiben, auch bei technischen Leitfäden Quellen zu nennen haben. Tun sie das nicht, ist das Buch in vielerlei Hinsicht wertlos. Sowohl Funakoshi als auch Motobu nannten die Quellen ihres Wissens in ihren Werken, nämlich die Namen ihrer eigenen Lehrer.

Wenn es um Authentizität gehen soll, dann ist die Sprache der Quellen ein bedeutsamer Knackpunkt. Nutzt unser Autor deutsche Werke, englische Übersetzungen japanischer Texte oder gar deutsche Versionen englischer Übersetzungen japanischer Bücher? Idealerweise stützt er sich selbstverständlich auf japanische Originale.

Aber noch einmal: Es kommt immer darauf an, was ich selbst von einem bestimmten Buch erwarte. Ich kenne Leute, die lesen schlechte Kampfkunstbücher, weil sie einfach unglaublich belustigend sein können…

Das Foto wurde freundlicherweise von Henning Wittwer zur Verfügung gestellt.

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