Home

Wissenschaftliche Arbeiten zu den historischen und kulturellen Hintergründen des Karate sind selten. Viele, einst als Diplom- oder Magisterarbeiten an der Fachhochschule oder Universität eingereicht, schlummern meist unveröffentlicht in den heimischen Schubladen. Ein wesentlicher Bestandteil der Wissenschaft ist es aber, dass Ergebnisse veröffentlicht werden müssen. Denn nur auf diese Weise lassen sie sich verwerten, zum Beispiel als Grundlage für weitere Studien und Nachforschungen.

1985 hat Jon D. Mills an der US-amerikanischen Cornell University eine Abschlussarbeit über das Karate vorgelegt. Sie trägt den Titel „An Introduction to the Historic, Cultural, and Social Phenomenon of Okinawan Karate“. Mills hatte 1967 mit dem Uechi-Ryu Karate begonnen. Die Ursprünge des okinawanischen Karate erforschte er unter anderem im Jahr 1984, als er Uechi Kanei auf einer Studienreise nach China begleitete.

Leider wurde auch diese Arbeit nicht publiziert. Dementsprechend fanden Ergebnisse daraus keinen Eingang in die wissenschaftliche Community. Auch wenn verschiedene von Mills‘ Erkenntnissen, wie er heute selbst sagt, „ungenau“ oder „fehlerhaft“ sind, beinhalten einige Passagen „bisher unveröffentliches Material“. Vor allem sind es aber die in seiner Schlussfolgerung genannten Punkte, die bis heute allgemeine Gültigkeit besitzen und wesentliche Impulse für die gegenwärtige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Karate geben.

So fordert er 1985 die Erstellung einer „kompletten Geschichte des Karate“, von seinen Ursprüngen in der chinesischen Zhou-Dynastie bis in die heutige Zeit. Eine derartiges Werk solle zudem eine Genealogie aller Karate-Schulen enthalten. Auch müsse das historische Verhältnis der chinesischen Provinz Fujian (Fukien) zu Okinawa tiefgründiger erforscht werden. Darüber hinaus listet er Fragen auf, die aus seiner Forschungsarbeit erwachsen und die im Zuge weiterer Studien aus seiner Sicht beantwortet werden sollten (auszugsweise nachfolgend).

  • Inwieweit wurde das Karate in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den japanischen Militarisierungsprogrammen nutzbar gemacht?
  • Welche Bedeutung hatte die amerikanische Besatzungspolitik für die Entwicklung des Karate in der Nachkriegszeit?
  • Welche Verbindungen gibt es zwischen Karate-Organisationen und Mafiagruppen in Japan?
  • Wie und in welcher Form wurde das Karate in den Westen verbreitet?

Der Hoplologie steht unzweifelhaft noch eine Menge Arbeit bevor.

Advertisements